Trendreport

Konjunktur 2017

Gewappnet fĂĽr die Zukunft?

02.03.2017

Das Jahr 2016 hatte ja ein paar dicke Überraschungen im Köcher. Und obwohl die Ereignisse von Terrorismus bis Trump für Verunsicherung sorgten, lassen sich die Menschen hierzulande nicht unterkriegen: Der Start ins neue Jahr ist geprägt von vorsichtigem Optimismus. Vor allem dann, wenn man für das Kommende vorgesorgt hat.

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Bild: rosenoom – Fotolia.com

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist zu Jahresbeginn in den Unternehmen gut. Und dafür gibt es auch gute Gründe. So ist die Auftragslage in den meisten Unternehmen der Branche nach wie vor sehr passabel. Die Erwartungen der Branchenexperten sind zwar nicht euphorisch, aber man geht doch von einer soliden positiven Entwicklung aus. Der Präsident des Bundesverbands der Industrie (BDI), Dieter Kempf, erwartet für dieses Jahr ein stabiles Wachstum in Höhe von rund 1,5 Prozent. Das Münchner Ifo-Institut, sonst in der Schätzung eher konservativ, rechnet ebenfalls mit 1,5 Prozent. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht ein Plus von immerhin noch 1,2 Prozent. Die Bundesregierung erwartet für das Wahljahr 2017 ein Plus der Wirtschaftsleistung von 1,4 Prozent, die Wirtschaftsweisen rechnen mit immerhin 1,3 Prozent. Eine solide Basis also, zumal sich die Prognosewerte erfreulicherweise auch für unsere europäischen Nachbarn positiv entwickeln: Speziell die Länder der Eurozone wachsen vergleichsweise robust, sie sind mit rund 37 Prozent einer der Hauptabnehmer deutscher Exporte.

Gute Entwicklung schon Ende 2016

Die gute Entwicklung zeichnete sich bereits im auslaufenden Jahr 2016 ab. Im November hatte der Auftragseingang im Maschinen- und Anlagenbau sein Vorjahresniveau um real 5 Prozent übertroffen. Sowohl die Inlandsnachfrage (plus 3 Prozent) als auch die Bestellungen aus dem Ausland (plus 5 Prozent) trugen zu diesem Wachstum bei. Und auch die Flaute in den Euro-Partnerländern scheint vorbei: Hier belief sich der Zuwachs der Auftragseingänge auf 7 Prozent. „Dieser Anstieg kommt keineswegs überraschend, denn seit August 2016 zieht der Einkaufsmanager-Index der Eurozone wieder an“, erläutert Olaf Wortmann, Konjunkturexperte des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Das Plus im Bestell­eingang ist seiner Ansicht nach „ein erster Reflex auf die kräftige Erholung dieses Geschäftsklima-Indikators.“

Das sagt die Redaktion
Auf keinen Fall stehen bleiben
Klar, die globalen Rahmenbedingungen kann ein mittelständisches Unternehmen in der Regel wohl nicht bestimmen. Und BDI-Präsident Dieter Kempf mahnt nicht von Ungefähr: „Angesichts der weltpolitischen Unsicherheit, die unsere Wirtschaftsnation besonders gefährdet, ist künftiges Wachstum alles andere als selbstverständlich.“ Umso wichtiger ist, mit offenen Augen und wachen Sinnen die konjunkturelle Entwicklung und die Auswirkungen fürs eigene Unternehmen im Blick zu haben. Gerade jetzt, in Zeiten voller Auftragsbücher, ist es immens wichtig, sich Kapazitäten freizuschaufeln, um das eigene Unternehmen zukunftsfest zu machen. Mit Investitionen in Maschinen, Werkzeuge, Software und andere Betriebsmittel einerseits und in qualifizierte Mitarbeiter und deren Aus- und Weiterbildung andererseits, mit kontinuierlichem Engagement in Forschung und Entwicklung und mit systematischer Untersuchung und Ausrichung darauf, was der Markt morgen braucht, sollte es gelingen, das eigene Unternehmen in der Branche zukunftsfest aufzustellen.
Richard Pergler

Optimistischer Finanzsektor

Auch der Finanzsektor gibt sich optimistisch: Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau sieht im Wirtschaftsstandort Deutschland „eine Hochburg der Stabilität in einer zunehmend

David Folkerts-Landau, Deutsche Bank

„Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist ein Hort der Stabilität in einer zunehmend unsicheren Welt.“
David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt Deutsche Bank – Bild: Deutsche Bank

unsicheren Welt“. Bundesbankpräsident Jens Weidmann und zahlreiche weitere Experten sehen die lebhafte Binnennachfrage, die von der günstigen Arbeitsmarktlage und von steigenden Einkommen der privaten Haushalte profitiert, als eine wesentliche Stütze der guten konjunkturellen Entwicklung hierzulande.

Freilich, es gibt auch im Jahr 2017 zahlreiche Unwägbarkeiten. Gefühlt vielleicht sogar mehr als in den vergangenen Jahren. Die doch eher absehbaren Ergebnisse der Bundestagswahlen in Deutschland (September) und die Optionen der Präsidentschaftswahl in Frankreich (im April) werden die Weltwirtschaft zwar wohl eher nicht übermäßig erschüttern. Andere Faktoren, etwa die staatliche Beeinflussung wichtiger Märkte wie beispielsweise in China, wirken da weit direkter. Oder die Folgen von Krisen, Kriegen und Terrorismus, die neben dem menschlichen Leid auch für die Wirtschaft schwere Belastungen bringen können. Die Risiken – oft schwer bis gar nicht einzuschätzen, da viele der entscheidenden Faktoren noch völlig im Dunklen liegen.

Verantwortliche in der Branche agieren gelassen

Erfreulich, dass die Verantwortlichen der Branche hier sehr gelassen agieren. Die Folgen des Brexit scheinen die meisten Unternehmen bereits eingepreist zu haben, wer auf der Insel engagiert ist, hat inzwischen seinen Plan B in der Schublade. Amerika unter Trump – es weiß zwar keiner so recht, in welche Richtung sich das entwickeln und welche Auswirkungen es auf unsere Wirtschaft haben wird. Aber in Schockstarre gefallen ist die deutsche Wirtschaft bislang nicht – im Gegenteil, die Unternehmen geben sich erfrischend selbstbewusst und sind in Bezug auf ihre transatlantischen Handelsbeziehungen zuversichtlich. Auch wenn der neue US-Präsident Handelsbarrieen errichten will, was aber zuvorderst auch der US-amerikanischen Wirtschaft nachhaltig schaden würde. Deshalb: bleibt abzuwarten, was hier wirklich kommt.

Ansonsten hat trotz Abgasskandal das Label „Made in Germany“ offenbar wenig an Strahlkraft eingebüßt, eher im Gegenteil: Die Nachfrage nach hierzulande produzierten Gütern stieg in jüngster Vergangenheit nochmals spürbar an: Deutsche Produkte gelten nach wie vor als hochwertig und als innovativ. Dazu trägt sicher auch das gestiegene Qualitätsbewusstsein von Konsumenten in Ländern wie China bei – und auch die Tatsache, dass man sich diese Qualität dort auch leisten kann. Bleibt zu hoffen, dass keine weiteren Skandale diesen Exportbonus weiter schmälern. Übrigens: „Made in Germany“ wird auch bei Unternehmen hierzulande wieder populärer – nachdem jahrelang der Trend beobachtet wurde, Fertigungen ins Ausland zu verlagern, um dort zu besseren Kosten zu produzieren, holen die Verantwortlichen ihre Produktion zunehmend nach Deutschland zurück. Nicht zuletzt aus der Erkenntnis heraus, dass niedrige Lohnkosten oft mit höherem Produktionsrisiko, geringerer Produktivität, unberechenbaren Qualitätsschwankungen und weiteren Unsicherheiten erkauft worden waren. Diese Unwägbarkeiten lassen sich mit der Fertigung in Deuschland nach Erfahrung der Unternehmenslenker doch deutlich minimieren.

Trends µ-genau
Risiko Fachkräftemangel
Egal, wie man es dreht und wendet – in unseren Branchen herrscht unbestreitbar ein akuter Fachkräftemangel, der für viele gerade kleinere und kleinste Unternehmen inzwischen zum ernstzunehmenden Hemmschuh geworden ist und als wichtigstes Risiko für Wachstum gesehen wird. In der Branche wachsen viel zu wenige Fachkräfte nach. Die produzierenden Berufe scheinen generell ein Imageproblem zu haben – nur wenige Jugendliche ziehen bei ihrer Berufswahl entsprechende Ausbildungsangebote überhaupt in Betracht. Hier ist ein Imagewandel dringend erforderlich – schließlich ist die Fertigung Herz und Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Berufsfelder in der Produktion sind heute geprägt von einem hohen Anspruch an Kreativität, von Abwechslung, vielfältigsten Entwicklungsmöglichkeiten sowie nicht zuletzt einer adäquaten Entlohnung. Und erfüllen damit durchaus die Kriterien, die Jugendliche an ihren Wunschberuf anlegen. Es wird eine der zentralen Herausforderungen der Zukunft, dies jungen Menschen in der Berufswahlphase entsprechend zu kommunizieren.

Risiko disruptiver Entwicklungen

Bleiben die Risiken, die technische Entwicklungen mit sich bringen. „Disruptiv“ scheint in diesem Zusammenhang zum neuen Lieblingswort der Zukunftsforscher avanciert zu sein, eine

Dieter Kempf, BDI

„Im neuen Jahr wird die deutsche Wirtschaft um rund eineinhalb Prozent wachsen.“
Dieter Kempf, Präsident BDI Bundesverband der Industrie – Bild: werkzeug&formenbau

Veränderung also, die das Zeug hat, etwas Bestehendes komplett zu verdrängen. Den 3D-Technologien haftete anfangs dieser Nimbus an – immer wieder wurden je nach Perspektive Hoffnungen oder Befürchtungen geäußert, sie könnten klassische zerspanende oder umformende Verfahren in naher Zukunft komplett verdrängen. Inzwischen sehen die meisten Verantwortlichen diese Verfahren weit nüchterner und ordnen sie ganz selbstverständlich als ein weiteres Element in bereits bestehende Prozessketten ein. Und zerspanende und umformende Unternehmen nutzen die neuen Möglichkeiten mittlerweile mit großer Selbstverständlichkeit selbst, um ihre Wettbewerbsfähigkeit auszubauen.

Ein anderes „disruptives“ Thema ist beispielsweise die Elektromobilität. Käme sie abrupt und wären Verbrennungsmotoren von heute auf morgen weltweit geächtet, würde es zahlreiche der heutigen Zulieferer – nicht nur die, die heute beispielsweise Zahnräder und Getriebekomponenten für den Antriebsstrang etwa von Diesel- oder Benzinfahrzeugen fertigen, Komponenten, die ein Elektroauto so gut wie gar nicht mehr benötigt – ziemlich kalt erwischen. Klar, bei diesen Zulieferern gibt es viele kluge Köpfe, die sich mit dem „Was dann?“ beschäftigen. Aber entsprechende Nachfolgeprojekte stecken heute noch in den Kinderschuhen. Trotzdem: Auch hier ist erkennbar, dass die meisten Unternehmen die Zeichen der Zeit wahrnehmen und entsprechend reagieren.

Steiniger Weg zur E-Mobilität

Selbst wenn auf lange Frist eine nahezu rein elektromobile Zukunft durchaus plausibel scheint – der Weg dorthin ist nach wie vor sehr steinig. Nicht zuletzt deshalb gibt es die Fahrzeuge mit Hybridantrieb, die die Nachteile der reinen Elektrofahrzeuge wie die oft unzureichende Reichweite oder die langen Ladezyklen der heutigen Elektroserienfahrzeuge vermeiden. Und die haben gleich zwei Motoren – also fĂĽrs Erste braucht man wohl eher mehr Zahnräder als weniger …

Profil
Branche ist optimistisch
In unserer Blitzumfrage (siehe Seite 10 und unsere große Graphik auf Seite 14) unter 220 klein- und mittelständischen Unternehmen wird deutlich, dass sich die Stimmung gegenüber Ende 2016 aufhellt. Die wirtschaftliche Lage des eigenen Unternehmens beurteilen inzwischen 56 Prozent der Befragten als „sehr gut“ oder „gut“ (im November 2016 waren es 49 Prozent). Das geben auch die Auftragseingänge her: Sahen im Herbst 2016 noch 39 Prozent hier die Werte als „sehr gut“ oder „gut“, sind es inzwischen 56 Prozent. Die Auftragsreichweite hingegen liegt im Schnitt nach wie vor bei drei Monaten. Und: Mehr als ­jedes dritte Unternehmen plant 2017 eine größere Investition.

„Industrie 4.0“ ist ein weiteres Buzzword-Thema, das uns auch 2017 beschäftigen wird und das bei überraschend vielen durchaus mit Sorge und Ängsten verbunden ist. Aber auch das überfällt die Branche nicht „disruptiv“, sondern variiert und ergänzt in den meisten Praxisfällen Bestehendes. Die Richtung ist klar, und wer wettbewerbsfähig sein und auch bleiben will, wird an einer

Olaf Wortmann, VDMA

„Der Anstieg kommt keineswegs überraschend, denn seit August 2016 zieht der Einkaufsmanager-Index der Eurozone wieder an.“
Olaf Wortmann, VDMA-Konjunkturexperte – Bild: VDMA

zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung seiner Prozesse nicht vorbeikommen. Befürchtungen, dass Industrie 4.0 Arbeitsplätze obsolet machen wird, haben sich bislang nicht bewahrheitet – eher im Gegenteil. Und für die Mitarbeiter werden die Tätigkeiten anspruchsvoller, hochwertiger und in der Regel auch entsprechend besser entlohnt.

Gefordert sind nicht nur im Zuge der Digitalisierung der Unternehmen künftig immer stärker Mitarbeiter, die eigenverantwortlich handeln und ihr Unternehmen bewusst und selbstbewusst vertreten können. Die aufgrund ihrer guten und umfassenden Aus- und Weiterbildung aus ihrer Fachkompetenz und aus der Kenntnis ihrer Partner auf Kunden- und Lieferantenseite heraus valide Entscheidungen selbst treffen können. Die unternehmerisch denken und handeln im Sinn ihres Arbeitgebers. Wenn starre Hierarchien aufgebrochen und die Mitarbeiter mündiger werden, gewinnen Unternehmen an Flexibilität, Effizienz und damit an Wettbewerbsfähigkeit. Und mit ihren hoch qualifizierten und motivierbaren Beschäftigten hat die Industrie hierzulande beste Voraussetzungen, Schlüsselfaktoren wie beispielsweise ihre Techologieführerschaft in vielen Bereichen und damit ihre gute Position im weltweiten Wettbewerb weiter auszubauen.
Richard Pergler


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