Alljähricher Treffpunkt der Avantgarde der Branche: Hochkarätige 
Vorträge aus Wissenschaft und Praxis erwarteten die Teilnehmer des
diesjährigen Kolloquiums „Werkzeugbau mit Zukunft“.
Bilder: werkzeug&formenbau

Alljähricher Treffpunkt der Avantgarde der Branche: Hochkarätige Vorträge aus Wissenschaft und Praxis erwarteten die Teilnehmer des diesjährigen Kolloquiums „Werkzeugbau mit Zukunft“. Bilder: werkzeug&formenbau

Das Werkzeugbau-Kolloquium ist in jedem Jahr ein Termin, der zahlreiche Führungskräfte aus innovativen Werkzeug- und Formenbauunternehmen nach Aachen lockt. Auf diesem Branchenevent stehen neben den hochkarätigen Vorträgen aus Wissenschaft und Praxis und einer kleinen, aber feinen Zulieferer-Ausstellung stehen insbesondere der Austausch untereinander und die Vernetzung der Unternehmen im Vordergrund. Das Kolloquium in Aachen hat sich als Forum für aktuelle Themen etabliert, mit denen sich die Unternehmen der Branche jetzt, aber auch in Zukunft auseinandersetzen müssen.

Und die Zukunft hat es in sich – gerade in der Werkzeug- und Formenbaubranche. Das zeigte sich bereits beim fulminanten Auftakt: „Die Digitalisierung bietet dem Werkzeugbau großes

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„Der Werkzeugbau
muss sich vermehrt mit der Digitalisierung von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen beschäftigen.“
Professor Günther Schuh, Direktor des Werkzeug­maschinenlabors (WZL)

Potenzial – der Werkzeugbau muss sich jedoch vermehrt mit der Digitalisierung von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen beschäftigen“, forderte Professor Günther Schuh, Direktor des Werkzeugmaschinenlabors (WZL) an der RWTH Aachen. Am Beispiel der Deutschen Bahn zeigte er, wie das sonst vielgescholtene Verkehrsunternehmen mittels Smart Services auf intelligente Weise den Kundennutzen erhöht, indem es digitalisierte und kundenorientierte Dienstleistungen anbietet. Dabei beschränkt sich die Bahn nicht nur auf eine digitalisierte Fahrplanauskunft oder ähnliches. Die Bahn nutzt Smart Services viel mehr, um neue Geschäftsmodelle entwickeln und dem Kunden ein ganzheitliches Mobilitätskonzept anbieten zu können, das beispielsweise einen Mietwagenservice oder einen Bike-Verleih mit einschließt.

Das sagt die Redaktion

Intelligenter Servicegedanke

Wie gehen wir eigentlich mit Informationen um? In den Werkzeug- und Formenbaubetrieben gibt es sehr viel Wissen über Kunden, über ihre Prozesse, über ihre Bedürfnisse. Meist steckt es in den Köpfen einzelner Mitarbeiter. Eine systematische Aufbereitung der wichtigsten Informationen, des „Kernwissens“, gibt es nur in sehr wenigen Unternehmen. Die Digitalisierung, die standardisierte Erfassung dieses Wissens ist ein erster Schritt. Derart standardisiertes Wissen kann entsprechend verarbeitet und auch automatisiert ausgewertet werden, um echten Mehrwert für die Kunden zu schaffen und sich so vom Wettbewerb abzuheben. Die Idee ist gut – sie erfordert indes weit mehr Offenheit und Transparenz zwischen den Partnern, als so manches Unternehmen heute bereit ist, zuzulassen.
Richard Pergler

Einen ähnlichen Denkansatz hält Schuh auch für die Unternehmen des Werkzeug- und Formenbaus für höchst interessant: „Die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung haben das Thema Service auf eine höhere Ebene katapultiert“, erläutert er. „Smart Services stellen das Front End zum Kunden auf einer Serviceplattform dar. Dank eines hohen Interaktionsgrads des Werkzeugbaus mit seinen Kunden kann über eine systematische Datenauswertung neues Wissen generiert werden, das dem Unternehmen direkt zugute kommt.“ Die anschließende Kommerzialisierung des auf Basis von Smart Data gewonnenen Wissens ermöglicht dem Werkzeugbau, als Smart Service aufzutreten, seinen Kunden entsprechend auf sie zugeschnittenen Mehrwert anzubieten und so die eigene Position im Wettbewerb zu stärken.

Werkzeugbau als globales Geschäftsmodell

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Christian Siebenwurst, Christian Karl Siebenwurst GmbH & Co. KG: „Internationales Agieren ist für den Mittelstand unerlässlich, sonst verliert er den Anschluss.“

Werkzeugbau ist längst ein weltweites Geschäft geworden. Wie man als mittelständischer Formenbau mit einer Globalisierungsstrategie neue Chancen für sein Unternehmen schafft, zeigte Christian Siebenwurst, Geschäftsführer der Christian Karl Siebenwurst GmbH & Co. KG aus Dietfurt an der Altmühl. „Internationales Agieren ist für den Mittelstand unerlässlich, sonst verliert er den Anschluss“, betonte er in seinem Vortrag. Spe­ziell in der Automobilindustrie ist die Globalisierung spürbar, die Automobilhersteller produzieren längst weltweit, ihre Zulieferer inklusive der Werkzeug- und Formenbauer sind gehalten, zu folgen. „Es geht nicht nur um das Wachstum der Wirtschaftsleistung, sondern auch um die Absicherung der Arbeitsplätze in Deutschland“, betonte Siebenwurst. „Deshalb ist es durchaus sinnvoll, über Standorte in anderen Märkten, etwa in Asien, nachzudenken.“ Ziel kann beispielsweise eine Arbeitsteilung sein, in der High-End-Werkzeuge am deutschen Standort gefertigt werden, weniger anspruchsvolle Werkzeuge jedoch beispielsweise aus China oder Osteuropa kommen.

Großwerkzeugbauten am Scheideweg

Der Aspekt des globalen Wettbewerbs spielt auch im Beitrag von Diedrich Diedrichsen, Geschäftsführer der Heinz Schwarz GmbH & Co. KG, eine tragende Rolle. Er beschäftigt sich mit

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Diedrich Diedrichsen, Heinz Schwarz GmbH & Co. KG: „Großwerkzeugbauten stehen am Scheideweg – nur wer sich jetzt breit aufstellen kann, hat eine Chance.“

Wachstumsstrate­gien für Großwerkzeugbauten in Deutschland und sieht zunehmend die Tier-1-Zulieferer als Zielgruppe auch des Großwerkzeugbaus: „Die Tier-1-Zulieferer übernehmen als Systemlieferanten immer größere Umfänge – der Anteil von Kaufteilen steigt mit der Modellvielfallt“, erklärte Diedrichsen. „Wer zukünftig den globalen Markt bedienen will, muss sich global als Partner mit einer relevanten und attraktiven Wertschöpfungstiefe als Partner auf Augenhöhe etablieren“, betonte Diedrichsen. „Die Großwerkzeugbauten stehen derzeit am Scheideweg – nur wer jetzt investieren kann, um sich breit aufzustellen, hat eine Chance.“

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Thorsten Glittenberg, Formenbau Glittenberg GmbH: „Eine Marke – also quasi ein positives Vorurteil – kann dem Werkzeugbau den entscheidenden Vorteil bringen.“

Über den Sinn der Markenbildung im Werkzeug- und Formenbau referierte Thorsten Glittenberg, Geschäftsführer der Formenbau Glittenberg GmbH in Frankenberg. „Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und Liefertreue sind bei steigendem Angebot keine Unterscheidungskriterien mehr – das wird heute zunehmend als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt“, erläuterte Glittenberg. „Bei steigendem Angebot und mangelnden Unterscheidungskriterien zwischen den Anbietern ist der Preisverfall des Produkts zwangsläufig. Für uns war der darauf folgende logische Schritt, eine Marke aufzubauen.“

Trends µ-genau

15. Kolloquium „Werkzeugbau mit Zukunft“ in Aachen

Der Branchenevent geht im kommenden Jahr in seine 15. Runde. Am 11. November 2015 wird traditionell am Vorabend des Kolloquiums im Krönungssaal des historischen Aachener Rathauses die Preisverleihung des Benchmark-Wettbewerbs „Excellence in Production“ vorgenommen, bei der der „Werkzeugbau des Jahres 2014 gekürt wird. Am 12. November laden IPT und WZL dann zum Kolloquium ein, das wieder zahlreiche interessante Vorträge von hochkarätigen Referenten aus Industrie und Hochschule verspricht. Eine begleitende Ausstellung zeigt Neues und Nützliches für den Werkzeug- und Formenbau. Eine wichtige Funktion dieser Veranstaltung ist indes der Austausch der Teilnehmer untereinander – die offene Atmosphäre schafft durchaus fruchtbare Ansätze zur Kooperation unter den Unternehmen.

Mit der Werkzeugbaureihe „Black Edition“ ist es dem Unternehmen gelungen, ein Markenerlebnis für die Kunden zu schaffen – quasi ein „Rundum-Wohlfühl-Paket“, das Kunden inzwischen mit höchster Produktionssicherheit bei minimalem Wartungsaufwand verbinden. „Die Alleinstellungsmerkmale – vom 8-h-Testlauf vor Auslieferung über Wartungsschulung vor Ort, allen Kühl- und Wartungsplänen, der Holzbox für optimalen Transportschutz, der Prüfung auf VDE-Konformität und einer bevorzugten Behandlung in Servicefällen – konnten in Emotionen umgesetzt werden, die jetzt mit unserer Marke verbunden werden“, ergänzt Glittenberg. „Eine Marke – also quasi ein positives Vorurteil – kann in einem Marktumfeld mit wenigen Unterscheidungskriterien den entscheidenden Vorteil bringen.“

Zu den Baukastenstrategien der Automobilhersteller und ihren Auswirkungen auf Technologieplanung und Werkzeugbau bei Zulieferern nahm

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Anna-Lena Schulte-Gehrmann, Leopold Kostal GmbH & Co. KG: „Die frühzeitige Einbindung in die Technologieentwicklung sichert die Baukastenreife.“

Anna-Lena Schulte-Gehrmann vom Automobilzulieferer Leopold Kostal GmbH & Co. KG Stellung. „Die Treiber der OEMs, auf Baukastenstrategien zu setzen, sind Kostenvorteile durch Skaleneffekte, die Beherrschung der Modell- und Variantenvielfalt, eine Verkürzung der Time-to-Market und Vorteile in Bezug auf die globale Produktion“, erläuterte die Expertin. „Der größte Feind solcher Strategien ist indes der technologische Wandel – die OEMs stehen vor dem Dilemma, den relativ starren Baukasten mit seinen spezifischen Vorteilen an neue Entwicklungen anzupassen.“

Umfangreiche Qualifikationen nötig

Dieses Dilemma wird elegant an die Zulieferer weitergespielt: „Erfolgreiche Zulieferer müssen künftig baukastengerechte Technologien bereitstellen und gleichzeitig den technologischen Wandel beherrschen“, erklärte Schulte-Gehrmann. „Das ergibt hohe Anforderungen an den Werkzeugbau im globalen Baukasten: Er muss zentral koordiniert sein, flexibel, reaktionsschnell, kommunikativ, termintreu …“

Aus diesem Zwang zu Standardisierung bei gleichzeitiger Flexibilität in Technologie und Werkzeugbau ergeben sich Chancen für verschiedene Werkzeugbauer-Typen. Dazu kommt eine weltreichende Integration in die Prozesskette der OEMs: „Die frühzeitige Einbindung des Werkzeugbaus in die Technologieentwicklung sichert die Baukastenreife“, ergänzte Schulte-Gehrmann. „Das erfordert aber umfassende Qualifikationen.“

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Michael Emonts, Aachener Zentrum für integrativen Leichtbau (AZL): „Die neuen Prozessketten stellen hohe Anforderungen an die Formwerkzeuge.“

Innovative Prozessketten und resultierende Herausforderungen für den Werkzeug- und Formenbau standen im Mittelpunkt des Vortrags von Michael Emonts vom Aachener Zentrum für integrativen Leichtbau (AZL). „Die Serienproduktion von Leichtbauteilen aus Faserverbundkunststoff und Multimaterialsystemen führt zu neuen Prozessketten, die hohe Anforderungen an die Formwerkzeuge stellen“, erklärte er. „Für die gezielte Weiterentwicklung der Werkzeuge ist System-, Prozess- und Werkstoff-Know-how zwingend erforderlich – hier ist noch viel Potenzial vorhanden.“ Die Chancen liegen insbesondere in der Verknüpfung von Maschinenbau, Werkstofftechnik und Prozesstechnik. „Inzwischen gibt es in unseren Instituten in Aachen eine umfassende Leichtbaukompetenz, die insbesondere den Werkzeugbau adressiert“, ergänzte er. „Unser wachsendes AZL-Partnership-Industrienetzwerk bietet Möglichkeiten zu Initiierung gemeinsamer Entwicklungsthemen im Werkzeugbau speziell für den Leichtbau.“

Das Werkzeug im Zentrum des effizienten Produktionsprozesses stand im Fokus des Beitrags von Ralf Hund von der Braun CarTec GmbH in Schwalbach. „Das Werkzeug bietet insbesondere in

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Ralf Hund, Braun CarTec GmbH: „Das Werkzeug bietet insbesondere in der Warmumformung viele Möglichkeiten der Optimierung und Innovation.“

der Warm­umformung viele Möglichkeiten der Optimierung und Innovation“, erläutert der Werkzeugexperte. „Dies erfordert jedoch ein ganzheitliches Verständnis des Produktionsprozesses, das sich nur über den Aufbau von entsprechender Expertise in den relevanten Fertigungsschritten erlangen lässt.“ Die zentrale Position des Werkzeugs im Produktiosprozess bietet aus seiner Sicht die Chance zur Erzielung von zusätzlicher Wertschöpfung sowohl in vorgelagerten Fertigungsschritten, etwa der Erwärmung als auch in nach­gelagerten Fertigungsschritten wie etwa Beschnitt, Schweißen oder ZSB.

Revolution mit dem Laser

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Stefan Krüth, J. & F. Krüth GmbH: „Die Oberflächen werden heute zunehmend ausgefallener, detaillierter und auch wesentlich anspruchsvoller.“

Die Lasergravur als Revolution des Traditionshandwerks stand im Mittelpunkt der Präsentation von Stefan Krüth von der J. & F. Krüth GmbH in Solingen. „Die Oberflächen werden heute zunehmend ausgefallener, detaillierter und auch wesentlich anspruchsvoller“, erklärt er. „Der Fertigungsprozess kann heute digital erfolgen – das eröffnet eine Reihe neuer Möglichkeiten.“ Krüth gab einen detaillierten Überblick über heute zur Verfügung stehende Verfahren und zeigte anhand von Praxisbeispielen die Vorteile, aber auch die Schwächen der einzelnen Techniken auf. „Unsere Philosophie ist, dass die Gravur eine Verbindung aus technischer Raffinesse und ästhetischer Herausforderung eingehen sollte“, unterstrich er. „Die Strukturierung von Werkzeugoberflächen hat mit der 3D-Lasergravur neue Möglichkeiten hervorgebracht. Damit sind jedoch auch die Anforderungen an die Gravur-Entwicklung um ein Vielfaches anspruchvoller geworden.“

Stabile Prozesse als Basis für jede Automatisierung

Den Abschluss der hochkarätigen Vorträge übernahm wieder Professor Fritz Klocke, Leiter des Fraunhofer-Instituts für

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Professor Fritz Klocke, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produk­tionstechnologie IPT: „Die Ein­bindung des Menschen ist auch
in Zukunft unerlässlich.“

Produktionstechnologie IPT – in seinem Vortrag thematisierte er stabile Fertigungsprozesse als Voraussetzung für die Automatisierung im Werkzeugbau. „Mit den technologischen Auswirkungen der Automatisierung soll eine gesteigerte Effizienz der Werkzeugfertigung erreicht werden“, erklärte Klocke. „Durch die vorherrschende Unikatfertigung lässt sich indes die Definition von Prozessstabilität der Serienfertigung im Werkzeugbau nicht anwenden.“

Das Prozessoptimum ist in der Regel von sehr genau bestimmten Einstellungen der Prozessparameter gekennzeichnet, schon kleine Abweichungen können zu Störungen im Prozess führen. „Auf einem unterhalb des Optimums liegenden Stabilitätsplateau bleibt der Prozess indes auch bei Abweichungen stabil“, erläuterte Klocke. „Oft ist es daher besser, den Prozess auf einem stabilen Plateau zu fahren.“ Speziell, wenn es um die Automatisierung geht: Stabile Fertigungsprozesse sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Automation – sie erfordern jedoch ausgeprägtes Prozess- und Technologiewissen. „Mit Prozessüberwachung und -regelung lassen sich in automatisierten Abläufen stabile Prozesse realisieren“, resümierte Klocke. „Aber die Einbindung des Menschen ist auch in Zukunft unerlässlich.“