Kompetenzzentrum im Unternehmen

Die Herausforderungen an interne Werkzeugbauten sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Während sich nicht wenige Unternehmen ganz von den Werkzeugbauabteilungen getrennt haben, wurden sie anderenorts zu Kompetenzzentren ausgebaut, die maßgeblich beitragen, den technologischen Vorsprung ihres Unternehmens nachhaltig zu sichern und auszubauen. Dabei sind die meisten internen Werkzeugbauten bei Aufträgen der Konzernmutter keineswegs automatisch gesetzt – sie stehen oft im Wettbewerb zum freien Markt. Und zwar global. Das gilt auch für die Werkzeugbauten beim Sieger der Kategorie „Interner Werkzeugbau unter 50 Mitarbeiter“, Kirchhoff Automotive Deutschland in Attendorn, und beim Finalisten Kunststoff Helmbrechts in Helmbrechts.

Seit 2008 wandelt sich der interne Werkzeugbau bei Kirchhoff Automotive von einer klassisch aufgestellten Werkzeugmanufaktur zu einer industriell ausgerichteten Fertigung von Werkzeugen zur Kalt- und Warmumformung sowie von Vorrichtungen – insbesondere für das Handling der Teile in den Produktionswerken der Kirchhoff-Gruppe. „Es ist heute nicht selbstverständlich, dass ein mittelständisches Unternehmen in einen Neuwerkzeugbau investiert“, erklärt Jürgen Wlochowicz, Leiter Werkzeugbau bei Kirchhoff Automotive Deutschland. „Bei uns wurden in den vergangenen Jahren die einzelnen Betriebsteile zunächst in Olpe zusammengezogen und in diesem Jahr dann am Unternehmenshauptsitz in Attendorn in einer neuen Halle neu strukturiert.“ Obwohl sich für manche Werkzeugbauer der Weg zur Arbeit dabei drastisch verlängert hat, sind nach wie vor alle an Bord – ein klares Zeichen für ein angenehmes Betriebsklima und ein sehr gutes Miteinander.

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Seit 2008 wandelt sich der interne Werkzeugbau bei Kirchhoff Automotive von einer klassisch aufgestellten Werkzeugmanufaktur hin zu einer industriellen Fertigung von Werkzeugen zur Kalt- und Warmumformung sowie Vorrichtungen.

Optimierter Materialfluss
Die neue auf die Bedürfnisse des Werkzeugbaus ausgelegte Halle erlaubte es, den Materialfluss im Unternehmensteil weiter zu optimieren. „Auf dem Weg zum industriellen Werkzeugbau ist es sehr wichtig, die Mitarbeiter bei den Veränderungen einzubinden und mitzunehmen“, berichtet Wlochowicz. „Während am Anfang durchaus Skepsis zu spüren war, konnten die Werkzeugbauer bald erkennen, dass die neuen Strukturen ihnen die Arbeit erleichtern. Wenn beispielsweise die früher doch sehr zahlreichen Laufwege wegfallen, weil die Werkzeugbauer alles in einem Trolley dabeihaben, was sie für ihre Arbeit benötigen, dann bleibt ihnen mehr Zeit und Ruhe für ihre eigentlichen Aufgaben.“ Die Arbeit lässt sich für den Einzelnen einfacher und für das Unternehmen wirtschaftlicher bewältigen: „Das Ergebnis der Umstellung war, dass wir für bessere Resultate nicht härter arbeiten, sondern intelligenter.“

Die Werkzeugbauer in Attendorn stehen dabei im globalen Wettbewerb, schließlich ist auch die Kirchhoff-Gruppe weltweit aufgestellt und beschafft ihre Werkzeuge auch auf dem freien Markt. „In Europa und Amerika können wir dank unserer schlanken Strukturen beim Preis in der Regel sehr gut mithalten“, erklärt Wlochowicz. „Und in Asien gibt es nicht sehr viele Unternehmen, die sich mit unserem Know-how messen können.“

Für neue Entwicklungen ist man sehr offen: „Wir stellen uns derzeit sehr stark auch im Vorrichtungsbau auf“, erklärt Wlochowicz. „Ziel ist, unseren internen Kunden nicht mehr nur ein Werkzeug bieten zu können, sondern einen kompletten ausgereiften Produktionsprozess, der beispielsweise auch das Handling umfasst.“

Sehr offensiv suchen die Verantwortlichen nach neuen Handlungsfeldern. Der Rat der Werkzeugbauer wird zunehmend auch von den Kunden der Kirchhoff-Produktion geschätzt, so dass der Werkzeugbau inzwischen mit seinem Know-how weit tiefer in Projekte eingebunden ist als in der Vergangenheit. Da die Kirchhoff-Projekte, die ja letztlich von den Zyklen der Automobilindustrie abhängig sind, keine durchgängige Auslastung garantieren, sollen in Zukunft auch verstärkt externe Aufträge angenommen werden.

Externen Kunden will auch der Werkzeugbau bei Kunststoff Helmbrechts sein Leistungsspektrum anbieten. „Auch bei uns ist eine kontinuierliche Auslastung unserer Kapazitäten allein mit den Projekten unserer Unternehmensgruppe nicht zu schaffen“, erklärt Manfred Martin, Leitung Werkzeugbau. „Andererseits stehen wir auch intern im Wettbewerb mit Formenbauern weltweit.“

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Nicht nur das einzelne Werkzeug, sondern der Gesamtprozess in der Produktion steht im Fokus der Werkzeugbauer bei Kirchhoff Automotive.
Bild: Kirchhoff Automotive

Die Domäne der oberfränkischen Formenbauer sind komplexe Mehrkomponentenwerkzeuge und das Hinterspritzen etwa von 3D-Folien. „Hier sind wir gefordert, die technologische Entwicklung voranzutreiben“, betont Martin. „Eine unserer Stärken liegt bei hochwertigen Oberflächen im automotiven Premiumbereich.“

Alle Technologien im Haus
Rund 120 bis 140 hochkomplexe Werkzeuge entstehen pro Jahr. „Wir haben zwar alle Kompetenzen und Technologien im Haus, um unsere Werkzeuge selbst fertigen zu können“, erklärt der Werkzeugbauleiter. „Wir arbeiten jedoch eng mit einem Netzwerk von Zulieferern zusammen, um eine gleichmäßigere Auslastung zu generieren.“ Wer auf eine verlängerte Werkbank setzt, hat auch Verpflichtungen. „Wir müssen unsere Zulieferer pflegen und sie auch in schwierigen Zeiten beauftragen“, betont Martin. „Damit wir in Phasen enger Kapazitäten auch auf unsere Partner zurückgreifen können.“

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Die Domäne der oberfränkischen Formenbauer sind komplexe Mehrkomponentenwerkzeuge und das Hinterspritzen etwa von 3D-Folien. Eine der Stärken liegt bei hochwertigen Oberflächen im automotiven Premiumbereich.

Auch bei Kunststoff Helmbrechts setzen die Werkzeugbauer weit vor dem Bau des Werkzeugs mit ihrem Know-how ein: „Früher haben wir Werkzeuge konstruiert und gebaut“, erläutert Martin. „Heute generieren wir einen kompletten Prozess.“ Inklusive beispielsweise von Veredelungsschritten wie Laser oder Lackieren. „Dazu kommt, dass es heute so gut wie keine fallenden Teile mehr gibt und die Kunststoffwerkstücke immer komplexer werden“, berichtet der Werkzeugbauleiter. „Das bedeutet, dass wir uns etwa auch um ein anspruchsvolles automatisiertes Werkstückhandling kümmern müssen.“

Für eine gute Mischkalkulation und um auch größere Projekte mit unterschiedlichen Ansprüchen ans Werkzeug wirtschaftlich abwickeln zu können, kooperiert der Werkzeugbau mit einem chinesischen Partner. „Viele, die hier in Deutschland über China reden, unterschätzen schlicht die Größe und Vielfalt dieses Landes“, erklärt Martin, der dort vor acht Jahren im Auftrag seines Unternehmens einen eigenen Werkzeugbau mit aufgebaut hat. „Während wir in Deutschland mit Einfachwerkzeugen bei chinesischen Preisen kaum eine Chance haben, sieht das in der komplexen 2K- oder 3K-Technik schon ganz anders aus – da kommen wir mit unseren Preisen nach wie vor weltweit sehr gut hin. Und wer global im Wettbewerb steht und weltweit Projekte akquirieren will, muss sinnvoll kombinieren. Wir schnüren für unsere Kunden ein Paket, in dem wir die Gesamtverantwortung übernehmen und uns darum kümmern, dass alles zur Zufriedenheit funktioniert.“

Kooperation mit Partner aus China
Am Aachener Wettbewerb haben die Formenbauer aus Helmbrechts zum ersten Mal teilgenommen. „Für uns war interessant, dass die Handlungsempfehlungen, die aus dem Benchmark resultierten, zu 80 Prozent bereits von uns erkannt waren“, erklärt Martin. „Der Wettbewerb hat uns hier aber nochmals die Sicherheit gegeben, dass wir hier auch aktiv werden und auf dem richtigen Weg sind. Zudem ist unser gutes Abschneiden durchaus auch ein Signal nach innen in unser Unternehmen – es zeigt einerseits den hohen Stellenwert und das gute Niveau, auf dem wir arbeiten, macht aber auch klar, dass man sich nicht auf seinen Erfolgen ausruhen darf.“

Jury-Urteil*

Kirchhoff Automotive Deutschland GmbH, Attendorn
Die Kirchhoff Automotive Deutschland GmbH aus Attendorn, ein in der vierten Generation geführtes Familienunternehmen, zählt zu den führenden Anbietern von Metallstrukturen für die Automobilindustrie. Im Zuge der Zusammenlegung der Standorte Attendorn und Olpe im Jahr 2008 hat sich der seit 1970 bestehende Werkzeugbau auf Bauteile für hoch- und höchstfeste Werkstoffe sowie komplexe Umformgeometrien spezialisiert. Zur Produktion hochwertiger Einzelteile oder komplexer Module aus den verschiedensten Stahlqualitäten liefert der Werkzeugbau Folgeverbund-, Einzel- oder Transferwerkzeuge bis 6 m.

Kunststoff Helmbrechts AG, Helmbrechts
1958 wurde die Kunststoff Helmbrechts AG von zwei Familien aus der Textilindustrie gegründet. Durch Tochterunternehmen und Joint Ventures besteht die Kunststoff Helmbrechts-Group inzwischen aus fünf Unternehmen in vier Ländern und beschäftigt etwa 1200 Mitarbeiter weltweit. Kunststoff Helmbrechts ist Systemanbieter für Hightech-Kunststoffkomponenten und setzt auf Neuentwicklungen, besonders im Bereich anspruchsvoller Oberflächentechnologien. Dabei stellt der Formenbau über 150 Serien- und Vorserienwerkzeuge pro Jahr her. Kunststoff Helmbrechts betreibt ein hauseigenes Ausbildungszentrum für Werkzeugmechaniker, welches bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.

* Im Rahmen der Veranstaltung „Werkzeugbau mit Zukunft“, 16. Oktober 2013 in Aachen

Stärke-Profil

Kirchhoff Automotive Deutschland GmbH, Attendorn

  • eigene Forschung und Entwicklung im Bereich Presshärten
  • konsequente Entwicklung zum industriellen Werkzeugbau
  • Werkzeugbau-Wiki zur Speicherung aller relevanten Daten
  • sehr gutes betriebliches Vorschlagwesen
  • hohe Kundenzufriedenheit und hohe Termintreue

Kunststoff Helmbrechts AG, Helmbrechts

  • Werkzeugbau als Entwicklungs- und Innovationstreiber im Unternehmen
  • eigener KH-Campus zur Weiterbildung der Mitarbeiter
  • durchgängige Nutzung von Standardbauteilen
  • parametrisch anpassbare Aufbauten in der Konstruktion

Unternehmens-Profil

Benchmark  kirchhoffKirchhoff Automotive Deutschland GmbH, Attendorn

  • Produkte: komplexe Umformwerkzeuge für hoch- und höchstfeste Werkstoffe
  • Kunden: Kirchhoff-Gruppe, künftig auch Externe
  • Standort: Attendorn
  • Maschinenpark: CNC-Fräsen dreiachsig bis 3600 x 2000 mm; Erodieren 600 x 600 mm
  • Software: Catia V5, Auto Formplus R4
  • Mitarbeiter: 48 (plus 7 Auszubildende)
  • Besonderheit: Systemlieferant von großen Transferwerkzeugen und Warmformwerkzeugen mit Greifervorrichtung
  • Kontakt: Kirchhoff Automotive GmbH, D-57439 Attendorn, Tel.: 02722/696-208, www.kirchhoff-gruppe.de

Kunststoff Helmbrechts AG, Helmbrechts

  • Produkte: komplexe Mehrkomponentenwerkzeuge für das Hinterspritzen von 3D-FolienBenchmark helmbrechts
  • Kunden: Kunststoff Helmbrechts AG, Externe
  • Standort: Helmbrechts
  • Maschinenpark: CNC-Fräsen fünfachsig, Hochgeschwindigkeitsfräsen, Senkanlage mit Robot- und Chip-Erkennung, CNC-Schleifmaschine, Drahtschneidetechnik, HSC-Graphit-Bearbeitungszentren, Senkerodieranlagen, Laserschweißen
  • Mitarbeiter: 48 (plus 4 Auszubildende)
  • Besonderheit: Prozesserstellung statt Werkzeugfertigung; Gesamtverantwortung für Werkzeugmix
  • Kontakt: Kunststoff Helmbrechts AG, 95233 Helmbrechts, Tel.: 09252/709-0, www.helmbrechts.de