Siebenwurst Spritzgusswerkzeuge

Die Formenbauer bei Siebenwurst fertigen Spritzgusswerkzeuge bis zu 50 t. Einen besonderen Schwerpunkt machen dabei Werkzeuge für Leicht- oder Hybridbauteile aus. - Bild: Siebenwurst

Im Benchmark-Wettbewerb "Excellence in Production" wurde Siebenwurst 2018 ausgezeichnet als Sieger in der Kategorie "externer Werkzeugbau über 50 Mitarbeiter".

Sechs Jahre ist es nun her, seit die Werkzeugbauer bei Siebenwurst aus Dietfurt in der Oberpfalz zuletzt ihre Konkurrenzfähigkeit beim Benchmark-Wettbewerb "Excellence in Production", der jährlich vom Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen und dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT ausgerichtet wird, unter Beweis gestellt haben. Im November 2018 meldeten sie sich nun mit der Auszeichnung zum Sieg in der Kategorie "externer Werkzeugbau über 50 Mitarbeiter" zurück. "Wir haben die Zeit für An- und Umbaumaßnahmen genutzt, genauso wie für Reorganisationen etwa unserer Arbeitsprozesse", erklärt Christian Siebenwurst, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Roland leitet.

Leichtbauteile für die Automobilindustrie

Als jahrzehntelanger Partner für die Automobilindustrie sind es vor allem Leichtbau- und Hybridisierungsthemen, die den Experten ihr ganzes Know-how abverlangen. In fortlaufenden Forschungsprojekten etwa gemeinsam mit Hochschulen gilt es, innovative Material- oder Verfahrenslösungen zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen.

Bild: Siebenwurst

"Bauteile zu entwickeln ist das eine, sie auf Herstellbarkeit auszulegen das andere. Mit dieser Kompetenz möchten wir uns vom Wettbewerb abgrenzen."
Christian Siebenwurst, geschäftsführender Gesellschafter bei Siebenwurst

Siebenwurst: "Es gibt kaum Formenbauer, die so viele Versuchs- und Serienwerkzeuge für Leichtbauteile hergestellt haben wie wir. Wir haben bereits vor vielen Jahren gemeinsam mit den Automobilisten in etlichen Prototypenphasen etwa für Elektroautos Verfahren mitentwickelt. Dazu kommt, dass wir bis jetzt aus weit mehr als 40 Demonstrationswerkzeugen wichtige Erkenntnisse gewinnen konnten. Dieser Erfahrungsschatz befähigt uns heute, Ansprechpartner Nummer eins zu sein, wenn es darum geht, Bauteile mit höchster Komplexität unter dem Gesichtspunkt Leichtbau kostengünstig umzusetzen."

Innovative App-Entwicklung

Die Werkzeugbauer arbeiten zunehmend an der Digitalisierung in ihrem Unternehmen und reagieren damit auf den Kulturwandel. So sorgt die Tablet-App "Fehler-als-Chance", die sie gemeinsam mit der Universität Aachen entwickelt haben, für eine ganzheitliche Veränderung im Fehlermanagement. Siebenwurst: "Zum einen ist uns wichtig, dass mit Fehlern offen umgegangen wird, zum anderen sehen wir Fehler eben als Chance, um so einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess anzuregen. Dank der App können wir Fehler digital aufnehmen, beschreiben und in Teams dauerhafte Lösungen entwickeln."

Die App-Programmierung gewinnt in Dietfurt zunehmend an Bedeutung. Im Fokus dabei steht stets der schnelle Zugriff auf Informationen, aber auch das Festhalten bestimmter Arbeitsschritte, um daraus standardisierte Workflows zu generieren. "Seit diesem Jahr haben wir eine Try-out-App im Einsatz, mit der wir auch vom Musterungsprozess Daten erheben, um die Erkenntnisse in letzter Instanz wieder zurück in die Konstruktion fließen zu lassen", berichtet der Geschäftsführer.

Profil - Siebenwurst

  • Produkte: Druckguss- und Pressformen, Spritzgusswerkzeuge für 3D-Formteile aus Aluminium und Kunststoff, Leichtbau, Hybridbauteile
  • Kunden: Automobilindustrie sowie Haushaltswaren, weiße Ware oder Umwelttechnik
  • Maschinenpark: Senk- und Drahterodieren, CNC- und HSC-Fräsen (3-, 5-Achs), Tiefbohren, Schleifen, Drehen, Messen, 3D-Druck, Laserschweißen, eigenes Technikum mit Spritzgießmaschinen bis 4000 t, Krankapazität 80 t
  • Software: CAD/CAM: Catia, Siemens NX, Tebis, WorkNC; PDM: ProLeis; Projektdatenverwaltung: ID-Plan;
  • Qualitätsmanagement: Q.wiki
  • Mitarbeiter: 380 (plus 45 Auszubildende)
  • Besonderheiten: weltweites Werkzeugbaunetzwerk, hoher Digitalisierungsgrad, internationale Formenbau-Experteneinheit Tool Doctors
  • Webseite: www.siebenwurst.de

Systeme ermöglichen detaillierten Fertigungsleitstand

Die Spezialisten verfügen über eine große Systemlandschaft, in der unter anderem ein Produktdatenmanagementsystem (PDM) den zentralen Informationskanal im Unternehmen stellt. "Höchste Priorität liegt bei Siebenwurst auf der Termineinhaltung. Mit dem PDM-System hat jeder Mitarbeiter Zugriff auf den aktuellen Stand sämtlicher Daten", erklärt Siebenwurst. In einer Datenbank sind alle Konstruktions-, Produkt- und Werkzeugdaten hinterlegt, aber auch Fertigungsprogramme oder E-Mail-Korrespondenzen. Die Werkzeugbauer sind in der Lage, aus der Stückliste, die in ihrem CAD-System entsteht, anhand vieler Automatismen die gesamte Fertigungsplanung automatisch anzustoßen. „Über das PDM-System haben wir einen sehr detaillierten Fertigungsleitstand, mit dem wir genau sehen, wann wo welche Überkapazitäten oder auch Unterauslastungen entstehen. Damit können wir frühzeitig in die Fremdvergabe gehen oder gezielt für diesen Bereich am Markt Aufträge akquirieren.“

Interne Wissensdatenbank

Genauso wie in Dietfurt arbeiten alle acht anderen Standorte in Zwickau, München, Eisenach, Dillenburg, Rohr bei Nürnberg sowie Mexiko, China und den USA mit denselben Softwaretools. Eine besondere Rolle nimmt hier das Qualitätsmanagementsystem ein, das als interne Wissensdatenbank dient. "Es ist ein interaktives System, mit dem wir auch hier wieder versuchen, in Gruppen verbesserte Strukturen und Abläufe für unseren Werkzeugbau zu erarbeiten. Wir haben mit der Software (Q.wiki) unser Intranet abgelöst und managen damit all unsere Fertigungs- und organisatorischen Prozesse. Unser Risikomanagement ist dort zentralisiert, ebenso wie sich Werksnormen, Audits, interne Projekte oder jegliche Arbeitsabläufe darin finden lassen", erläutert Siebenwurst. "Aktuell sind wir alleine in Dietfurt bei zirka 1500 Seiten und 18 000 Aufrufen pro Monat. Das System ist konzernweit längst zu einem festen Bestandteil in der täglichen Arbeit der Mitarbeiter geworden."

Weltweites Kommunizieren

Im Moment arbeiten die Formenbauer mit der Einführung einer 3D-Experience-Plattform daran, die Kommunikation standortübergreifend zu vereinfachen. "Aktuell läuft die CAD-Datenverwaltung im PDM-System, weshalb es zu langen Ladezeiten kommt. Mit 3D-Experience von Dassault Systèmes wollen wir weltweit den Zugriff auf Daten leichter gestalten, aber auch intern, da damit sogar über das Tablet Werkzeugkonstruktionen aufgerufen werden können", berichtet Siebenwurst. "Darüber hinaus sehen wir das Potenzial, dem Konstrukteur noch mehr Routinearbeiten abzunehmen und für mehr automatisierte Standards zu sorgen."

Im großen Werkzeugbauverbund übernimmt der Standort in Dietfurt die Technologieführerschaft, was nicht zuletzt dem regionalen Bezug zu den Premium-OEM geschuldet ist. Dank des hohen Standardisierungsgrads etwa in ihrer Fertigungstechnik können Prozesse, nachdem sie intern ausgiebig erprobt und optimiert wurden, mit entsprechender Einarbeitungsphase gut auf die weiteren Standorte übertragen werden. Siebenwurst: "Uns ist es wichtig, dass die anderen Werkzeugbaustandorte technologisch mitwachsen, deshalb findet hier ein intensiver Austausch statt."

Herausforderungen in der Digitalisierung

Siebenwurst Mitarbeiter
Die 425 Mitarbeiter am Standort in Dietfurt sind nur ein Teil eines großen Werkzeugbauverbunds mit insgesamt neun Standorten. - Bild: Siebenwurst

Auch wenn Projekte bereits über die Unternehmensgrenzen hinaus organisiert und abgewickelt werden konnten, scheitert das oft noch an einer verlässlichen Internetverbindung. "Wir kommunizieren über Video oder Skype etwa mit unseren Kollegen aus Mexiko und auch Experimente mit Augmented-Reality-Brillen liefen, um spielerisch die Möglichkeiten zu erfahren, die die Digitalisierung mit sich bringt. Doch oft ist die Internetverbindung schlicht zu langsam, was uns bei solchen Projekten vor Herausforderungen stellt", erklärt der Geschäftsführer. "Überall ist von Digitalisierung und Fabrik 4.0 die Rede, doch wie wir allein in Sachen Internetverbindung im internationalen Vergleich hinterherhinken, ist massiv. Da sind andere Länder wie China oder stellenweise Mexiko oder die USA wesentlich weiter. Daran gekoppelt sind auch viele weitere Themen, wie die Schnittstellenproblematik verschiedener Systeme oder die Verknüpfung von Maschinen untereinander. Am Ende sind es viele Kleinigkeiten, die dazu führen, dass wir keine konsistente Datenbasis haben. Hier haben nicht allein wir, sondern die gesamte Branche großen Nachholbedarf."

Keinen Nachholbedarf zeigt das Familienunternehmen stattdessen hinsichtlich seines Dienstleistungsportfolios. Mit der Formenbau-Experteneinheit "Tool Doctors" bieten die Werkzeugbauer ein umfangreiches Servicekonzept zur Prozessoptimierung. Mittlerweile generieren die Tool Doctors sogar 95 Prozent ihrer Aufträge mit Fremdwerkzeugen. Darüber hinaus gehört es zur Unternehmensphilosophie, kundenspezifische Gesamtlösungen aus einer Hand zu entwickeln und zu realisieren. Von der Produktentwicklung bis zur Betreuung im laufenden Serienbetrieb decken die Formenbauer die gesamte Prozesskette ab.

Siebenwurst - Stärken im Überblick

  • Siebenwurst bietet kundenspezifische Gesamtlösungen aus einer Hand – von der Produktentwicklung und dem Modellbau bis zur Betreuung im laufenden Serienbetrieb.
  • Als Service-Geschäftsmodell sorgen die "Tool Doctors" weltweit für Wartung, Reparatur und Prozessoptimierung von Eigen- und Fremdwerkzeugen.
  • Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Siebenwurst aktiv in der Grundlagenforschung. Unter anderem dank jährlich bis zu fünf Forschungsprojekten bedienen die Experten die unterschiedlichsten Verfahren sowie ein breites Produktspektrum.
  • Das Unternehmen verfügt über einen umfangreichen Maschinenpark sowie absolut flexibel aufgestellte Mitarbeiter.
  • Zudem sind die Werkzeugbaustandorte weltweit gut vernetzt und es herrscht ein hoher Digitalisierungsgrad.

Prüfung auf Herstellbarkeit

"Wenn wir in der frühen Phase mit unseren Kunden, den Systemlieferanten oder OEM zusammenarbeiten, holen wir für alle Beteiligten das Maximum heraus – der Kunde bekommt ein optimiertes Produkt, und wir können das Werkzeug prozesssicher auslegen. Wir sparen uns und unserem Kunden Zeit und Kosten aufgrund ausbleibender Änderungsschleifen ein", betont Siebenwurst. "Bauteile zu entwickeln ist das eine, sie auf Herstellbarkeit zu bewerten und auszulegen das andere. Mit dieser Kompetenz möchten wir uns vom Wettbewerb abgrenzen."

Bei Siebenwurst gilt es, gemeinsam mit den Kunden bereits in der frühen Phase ein fertigungsgerechtes Bauteil zu entwickeln.

Die Experten haben sich auf die Automobilbranche fokussiert und sind mit den Spielregeln in diesem Umfeld bestens vertraut. Jedoch haben sie auch feststellen müssen, dass ihr Angebot eines Rundum-Sorglos-Pakets sich bislang nicht mit der doch sehr kleinteiligen Organisationsstruktur der Automobilisten im Einklang bringen lässt. "Da gibt es andere Branchen, etwa im Umweltsektor, die so ein Leistungspaket deutlich intensiver nachfragen. Diesen Anteil wollen wir künftig weiter ausbauen", resümiert der Geschäftsführer.

Businessmodelle im digitalen Geschäftsfeld

Darüber hinaus haben die Werkzeugbauer ein Innovationsteam gegründet, um mögliche Businessmodelle im digitalen Geschäftsfeld auszuloten. "Im Kern geht es darum, die Werkzeuge mit entsprechender Sensorik auszustatten und dahingehend Analysemöglichkeiten zu schaffen, damit wir den Kunden das Qualitätsniveau unserer Werkzeuge künftig transparent vor Augen führen können", erläutert Siebenwurst. "In diesem Bereich fließen all unsere Ressourcen ein – das ist unsere Antwort, um international dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben."

Mitarbeiterzufriedenheit wird fokussiert

Auf eine hohe Wettbewerbsfähigkeit haben neben der digitalen Transformation nicht zuletzt die Mitarbeiter einen entscheidenden Einfluss. Den Schlüssel für Mitarbeiterzufriedenheit sehen die Verantwortlichen in einem offenen und transparenten Umgang miteinander. So wurde bereits vor mehreren Jahren ein transparentes Entlohnungssystem eingeführt sowie Leistungsbewertungen und Mitarbeiterfördergespräche, die auf Augenhöhe mit dem direkten Vorgesetzten durchgeführt werden. "Es war ein langer Prozess, den wir nun aber optimiert und als Standard eingeführt haben", so Siebenwurst. Das Bestreben in all den Jahren belief sich darauf, in der Führungsweise mehr Wert auf die Entwicklung und die Führung der Mitarbeiter zu legen. "Heute sehen wir uns gut aufgestellt, um auch den Anforderungen der jungen Generation gerecht zu werden und langfristig unsere Spezialisten im Haus halten zu können." mf