Vom Wissen der Besten profitieren

werkzeug&formenbau-Redakteur Richard Pergler sprach mit Professor Günther Schuh, einem der Initiatoren der neuen "Werkzeugbau-Akademie"

Die gesamte Branche ist im Wandel: Die Unternehmen sind gefordert, den Übergang vom traditionell handwerklich geprägten Werkzeugbaubetrieb zum industriellen Werkzeugbauunternehmen, sozusagen zum „Werkzeugbau 2.0“ zu gestalten. Und das ist eine Herausforderung, die zunächst unabhängig von der Betriebsgröße auf die Verantwortlichen zukommt. Gefordert ist im Zeichen eines globalisierten Wettbewerbs eine signifikante Steigerung der eigenen operativen Exzellenz. Dafür gibt es mehrere Ansatzpunkte: Die Handlungsfelder reichen von einer Professionalisierung des Vertriebs über die Optimierung der Wertschöpfungstiefe, die Synchronisierung von Prozessen, die Standardisierung kundenindividueller Produkte bis zur zielgerichteten Mitarbeiterentwicklung und zum Wissensmanagement. Die Entwicklung geht vom High-End-Handwerksbetrieb, vom Einzelprojekte-Künstler hin zum kompletten strategisch geführten Industrieunternehmen, und mag es noch so klein sein.

In vielen dieser Handlungsfelder sind die deutschen Werkzeug- und Formenbauer aber sehr unterschiedlich aufgestellt. Zum Beispiel beim Vertrieb …
Ja. Und wer hier aktiv geworden ist, konnte sich in der Regel deutlich von seinen Wettbewerbern absetzen. Das Jahr 2009 war geprägt von einem sehr starken Nachfragerückgang. In vielen Werkzeug- und Formenbauunternehmen führte das dazu, dass die Vertriebsstrategien auf den Prüfstand kamen und die Marketingaktivitäten ausgeweitet wurden. Wir haben in einer Studie unter erfolgreichen Finalisten des Wettbewerbs „Excellence in Production“ die einzelnen Handlungsfelder untersucht. Mehr als 60 Prozent der befragten erfolgreichen Unternehmen konnten im vergangenen Jahr ihren Kundenstamm um neue Kunden erweitern. Mehr als 30 Prozent der Unternehmen gelang es sogar, Kunden in neuen Branchen zu akquirieren. Das setzt jedoch einen proaktiven Vertrieb und die Neudefinition der Kundenbeziehung voraus.

Was zeichnet denn einen proaktiven Vertrieb aus?
Das bedeutet zum Beispiel, dass sich der Werkzeugbauer aktiv in die Prozesse seiner Kunden integriert. Das bedeutet, der Werkzeugbauer unterstützt seine Kunden bestmöglich in deren Prozessen. Immer nur zu warten, bis der Kunde kommt und etwas von einem will – das reicht heute nicht mehr. Es ist auch eine Aufgabe des Vertriebs, Informationen und Anregungen für latente und konkrete Bedürfnisse bestehender und potenzieller Kunden einzuholen. Ein professioneller Vertrieb leistet einen wertvollen Beitrag dabei, das Leistungsspektrum des Werkzeugbaus auf die gestiegenen Kundenbedürfnisse abzustimmen und sorgt dafür, dass diese exakt, ganzheitlich und individuell zu marktfähigen Preisen adressiert werden.

Das verlangt aber auch neue Kenntnisse und Fertigkeiten in den Unternehmen.
Durchaus. Aber sehen Sie, Herr Pergler, in den Einkaufsabteilungen der Kunden sitzen schließlich inzwischen sehr eloquente Mitarbeiter, die vielleicht technisch nicht immer das Wissen haben, das man sich wünscht. Aber es sind Leute, die in der Regel nichts anderes machen als Einkauf und daher mit allen Wassern gewaschen sind. Hier wird es für die Werkzeugbauer immer wichtiger, einen qualifizierten Mitarbeiter im Vertrieb zu haben, der mit diesen Einkäufern auf deren Spielfeld in Augenhöhe verhandeln kann und dann seinen technologischen Wissensvorsprung gewinnbringend – und das heißt auch zum Wohle des Kunden – einbringen kann.

Wie lässt sich dieser Wissensvorsprung weiter ausbauen? Die Wettbewerber schlafen bekanntlich nicht …
Allerdings. Das Angebot auch an qualitativ hochwertigen Werkzeugbauern wächst weltweit, die Vormachtstellung der Europäer ist längst kein Selbstläufer mehr. Bei der Verteidigung dieses Vorsprungs spielt insbesondere für Werkzeugbauer aus dem deutschen Sprachraum das Know-how eine Schlüsselrolle: Es ist unsere wichtigste Ressource, die aktiv gemanagt werden muss.

Was bedeutet das konkret?
Das bedeutet, dass wir zunächst einmal die Unternehmen und die Mitarbeiter für diese wertvolle Ressource sensibilisieren müssen – das Wissen, das implizit in den Unternehmen vorhanden ist, wird als Wettbewerbsfaktor nämlich immer noch oft unterschätzt. Es ist wichtig, dieses Know-how, das in der Regel an die einzelnen Mitarbeiter gebunden ist, systematisch zu erfassen und aufzubereiten. Denn Wissen nutzt nur dann etwas, wenn es zur richtigen Zeit auch am richtigen Ort verfügbar ist. Also ein klassisches Aufgabenfeld für das Wissensmanagement.

Professor Günther Schuh, WZL

"In der innovations­getriebenen Branche Werkzeug- und Formenbau sind gut ausgebildete Mitarbeiter ein essentieller Faktor." Professor Günther Schuh, WZL - Bild: werkzeug&formenbau

Gerade im Werkzeug- und Formenbau definieren sich aber viele Mitarbeiter über ihr Wissen, ihr meisterliches Können. Laufen sie nicht Gefahr, bei Preisgabe dieses Wissens ersetzbar zu werden?
Keineswegs! Denn sie helfen auf diese Weise mit, ihr Unternehmen nachhaltig zu stärken. Erfolgreiche Werkzeugbauer sind längst nicht mehr die Einzelkämpfer – in vielen Unternehmen entsteht inzwischen eine tragfähige Teamkultur, die auch mit der Ressource Wissen anders – eben nicht personenbezogen – umgehen kann. Ein Problem heute ist, dass noch viel zuviel Wissen mit seinem „Besitzer“ pensioniert wird. Auch das lässt sich mit einem systematischen Ansatz elegant lösen, das bestehende Know-how bleibt dem Unternehmen erhalten und muss nicht immer wieder neu „erfunden“ werden.

Aber die Bewahrung von bestehendem Wissen allein reicht doch nicht, um auch künftig an der Spitze zu bleiben.
Nein – gerade in der innovationsgetriebenen Branche Werkzeug- und Formenbau sind gut ausgebildete Mitarbeiter ein essentieller Faktor. Schließlich sind sie es, die Wettbewerbsvorteile aus dem Einsatz neuer Technologien generieren. Schon heute haben wir einen Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften. Ein steigendes Durchschnittsalter und eine rückläufige Ausbildungsquote sind vor diesem Hintergrund eine massive Gefahr für den Werkzeug- und Formenbau. Die demographische Entwicklung wird dieses Problem noch drastisch verschärfen – hier liegt eine der größten Herausforderungen für die Zukunft. Und es ist nicht allein damit getan, gute Kräfte zu gewinnen. Man muss sie auch halten und weiterentwickeln.

Was ist damit gemeint?
Das bedeutet, dass nicht nur in Maschinen und anderes Equipment investiert werden muss, sondern auch in die Menschen im Unternehmen. Neben einem attraktiven Arbeitsplatz und einem angemessenen Gehalt ist es unerlässlich, dass die Mitarbeiter systematisch weiterqualifiziert werden. Hier sind neue Aus- und Weiterbildungskonzepte gefordert, auch abseits der klassischen Qualifizierungsmöglichkeiten des Traditionsberufs des Werkzeug- und Formenbauers. Ein Weg, den wir zusammen mit Partnern aus der Industrie gehen wollen, wird die Einrichtung einer Werkzeugbau-Akademie sein.

Was bezwecken Sie mit dieser Akademie?
Die Akademie soll in mehrfacher Hinsicht eine Vorreiter- und Vorbildrolle bekommen. Übrigens auch nach außen, über die Branche hinaus: Wir wollen über die Akademie auch verdeutlichen, was im Werkzeug- und Formenbau, der Königsdisziplin der Produktionstechnik, eigentlich alles abgedeckt wird: Es ist ein Hightech-Beruf, ein im positivsten Wortsinn herausforderndes und sehr anspruchsvolles Aufgabenfeld, das von den Mitarbeitern hohes interdisziplinäres Können und Wissen abverlangt. Es ist zwar nicht in erster Linie ein akademischer Beruf. Aber, und auch das wollen wir mit der Akademie signalisieren, der Werkzeug- und Formenbauer ist einer der anspruchsvollsten technischen Berufe überhaupt. Ein Werkzeugbauer ist vom Können und Wissen her mindestens auf der Stufe anzusiedeln wie ein guter Ingenieur oder ein guter Konstrukteur. Das Fatale ist, dass das Image in der Öffentlichkeit sehr stark am Nimbus des „gelernten“ Werkzeugbauers hängt und damit mit anderen Lehrberufen verglichen wird. Aber nicht nur aus Imagegründen, sondern auch weil das Aufgabenfeld immer anspruchsvoller wird, müssen wir die „Ingenieurisierung“ des Berufs vorantreiben.

Was soll diese Akademie vermitteln?
Für die systematische Vermittlung von relevantem Wissen wollen wir ein entsprechendes Programm mit verbindlichen Curricula ausarbeiten. Heute ist im Werkzeug- und Formenbau beispielsweise zunehmend Know-how aus der Konstrukteurslehre gefordert, aber auch aus der Arbeitsplanung und Arbeitsvorbereitung. Werkzeugbauer brauchen Entwickler- und Forscherkompetenz – denken Sie nur an die immer wichtiger werdende Tryoutphase, in der sichergestellt werden muss, dass das Werkzeug später in allen Phasen der Produktion hundertprozentig funktionieren wird. Das sind alles Tugenden aus Ingenieursdisziplinen, die jetzt in die Aus- und Weiterbildung des Werkzeugmachers einfließen müssen.

Professor Günther Schuh, WZL

"Ein guter deutscher Werkzeug- und Formenbau-Meister braucht sich vor Bachelor- oder Master-Absolventen nicht verstecken." Professor Günther Schuh, WZL - Bild: werkzeug&formenbau

Was ist für solch ein Weiterbildungsprogramm notwendig?
Hierfür benötigen wir neben Partnern aus der Industrie, die mit uns diesen Weg gehen wollen, auch interessierte Teilnehmer, die bereit sind, neben ihrem Beruf deutlich mehr Zeit zu investieren, als es für Weiterbildungsmaßnahmen sonst üblich ist. Schließlich ist das Programm der Akademie geplant wie ein kleines Studium, das regelmäßige Teilnahme erfordert. Wir suchen Teilnehmer, die hier eine Vorreiter- und Vorbildrolle übernehmen wollen.

Aber ist das für ein kleines Werkzeugbau-Unternehmen attraktiv, hier Mitarbeiter weiterzuqualifizieren? Schließlich ist die Gefahr dann groß, dass sie abgeworben werden …
Diese Argumentation kenne ich durchaus. Sie ist aber meiner Meinung nach zu kurz gesprungen. Denn der Werkzeugbaubetrieb braucht solche Qualifikationen. Und gute Mitarbeiter werden immer in ein Unternehmen gehen, in dem sie sich auch weiterentwickeln können. Deshalb ist das Angebot einer Weiterbildung auch ganz klar ein Instrument, um wertvolle Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Allerdings muss das Unternehmen den Weg hier auch konsequent zu Ende denken: Wenn ein Mitarbeiter wertvolle neue Qualifikationen erwirbt, wenn er in der Ausbildung neue Fertigkeiten übt, muss er danach im Unternehmen auch Aufgaben bekommen, in denen er sie einsetzen kann, muss auch entsprechend Verantwortung übernehmen können. Wichtig für die Attraktivität eines Unternehmens ist schließlich auch, dass sich ein Mitarbeiter weiterentwickeln kann. Übrigens auch, was sein Gehalt angeht. Hier müssen die Verantwortlichen den Weg zu Ende denken.

Immer mehr ist im Werkzeug- und Formenbau der ganzheitliche Ansatz gefragt. Da reichen aber technische Fähigkeiten allein nicht aus.
Deshalb werden wir etwa 40 Prozent des Weiterbildungsangebots auch auf kaufmännische, vertriebliche, aber auch management-, controlling- und marketingbezogene Inhalte zuschneiden. Dass Mitarbeiter dieses Wissen haben, ist nämlich ein entscheidender Faktor für ein strategisch gut aufgestelltes Werkzeugbauunternehmen. Das zeigt auch unser derzeitiges Weiterbildungsangebot, in dem solche Themen insbesondere von gut aufgestellten Werkzeugbauern immer stärker nachgefragt werden. Aber auch in klassischen Technikthemen sehen wir akuten Weiterbildungsbedarf.

Und wo genau soll die Akademie hier ansetzen?
Beispielsweise in den klassischen Forschungsthemen. Etwa wenn es um neue Materialien geht und deren Bearbeitung. Hier ist die Nachfrage groß, da müssen wir auch klassisch Forschungsarbeit mit einbringen und auch die künftigen Akademie-Teilnehmer entsprechend mit einbinden. Denn Forschung und Entwicklung wird künftig für die Werkzeug- und Formenbauer ein immer wichtigerer Wettbewerbsfaktor: Das Berufsbild des Werkzeugbauers wird sich künftig stark um eine forschende Komponente erweitern, um systematisch an Innovationen herangehen zu können.

Forscher, Manager, Controller, Vertriebler in einer Person – das erfordert aber einen neuen Typ Werkzeugbauer.
In der Tat, die Anforderungen werden sich immer mehr in diese Richtung entwickeln. Und da es an den Universitäten auch noch keinen ganzheitlichen Studiengang etwa zu einem „Werkzeugmacher-Ingenieur“ gibt, der all diese Anforderungen abdecken kann, sind wir gefordert, entsprechend die Weiterqualifikationen dafür zu schaffen.

Wie soll diese Akademie denn konkret aussehen?
Die Idee kam von einigen der führenden Werkzeug- und Formenbauer, die einerseits ihr Unternehmen entsprechend für die Zukunft fit machen und andererseits so ihren guten Mitarbeitern eine attraktive Perspektive geben wollen. Wir werden Premium-Partner haben, für die wir gegen finanzielle Beteiligung quasi ein Paket schnüren aus projektbezogener Forschung und Weiterbildung und die dafür dann regelmäßig Mitarbeiter zur Akademie schicken. Wir versuchen, diese Mitarbeiter im Rahmen der Akademie auch an interessanten Forschungsprojekten zu beteiligen. Die werden zum Teil über Drittmittel finanziert, so dass die Kosten für die Unternehmen möglichst gering gehalten werden. Das sollte sich auch ein sehr kleines Unternehmen leisten können. Das werden im ersten Step rund zehn Unternehmen sein, die diese Akademie tragen und auch inhaltlich mitgestalten können. Darüber hinaus wird es Unternehmen geben, die quasi in einem Rahmenvertrag Ausbildungspakete abnehmen. Diese beiden Ansätze sollten genügen, dass wir die notwendige Grundauslastung abdecken. Darüber hinaus wollen wir das Angebot aber auch für andere Teilnehmer öffnen.

Können sich auch einzelne interessierte Werkzeugbauer melden?
Ja. Aber die brauchen in der Regel das Commitment und die Unterstützung ihres Unternehmens. Trotzdem: Die Einladung gilt an alle Werkzeugbauer mit unterschiedlichsten technischen Vorqualifikationen, an gute Leute, die noch besser werden können. Der Lerneffekt wird nicht nur aufgrund der ausgewählten Inhalte und der sehr guten Dozenten sichergestellt – ein wichtiger Faktor wird sein, was die Teilnehmer voneinander lernen können. Und deshalb setzen wir auch einen hohen Qualitätslevel bei der Auswahl der Teilnehmer an. Denn das Lernen voneinander ist mindestens so wichtig wie die Inhalte. Wir rechnen mit Gruppengrößen von sechs bis 15 Teilnehmern, insbesondere in den forschungsbezogenen Modulen setzen wir auf sehr kleine und sehr gut betreute Teilnehmergruppen. Das Programm wird sehr intensiv und sehr persönlich sein, damit die vorgesehenen Inhalte auch in dieser Zeit vermittelt werden können.

Wird diese Fortbildung einen akademischen Abschluss haben?
Fernziel ist, diese Akademie in einigen Jahren in einen akkreditierten Masterstudiengang Werkzeug- und Formenbau zu überführen. Jedes Modul schließt mit einem Zertifikat. Die einzelnen Module werden über Credits zum Werkzeugbau-Master führen. Das Ausbildungsangebot für die modulare Akademie wird noch im Jahr 2011 starten, und wir brauchen vermutlich zwei Jahrgänge, die darin bestanden haben. Ich denke, 2014 ist ein guter Zeitpunkt. Der modulare Aufbau erleichtert zudem den Einstieg: Wer sich zunächst nur für einzelne Inhalte interessiert, kann die Module nach und nach zusammenführen und so auch seinen akademischen Abschluss bekommen.

Aber viele Werkzeugbauer haben kein Abitur …
Für dieses Studium soll auch die übliche Hochschul-Studienzugangsberechtigung nicht notwendig sein. Denn eines ist uns klar: Ein guter deutscher Werkzeug- und Formenbau-Meister braucht sich vor so manchem internationalen Bachelor- oder Master-Absolventen von Ingenieursstudiengängen nicht verstecken. Vom Wissen und vom Können her haben die mehr drauf als viele Ingenieure auf dem internationalen Markt. Und das ist für mich eine Ermutigung, hier anzusetzen und den Werkzeug- und Formenbauern neue Pfade zu öffnen. Denn dieses Qualifikationsprofil des deutschen Werkzeug- und Formenbauers wird international meiner Meinung nach weit unter Wert verkauft. Wir wollen hier für die Branche Vorreiter sein, so dass sich auch andere Aus- und Weiterbildungsträger in diesem Bereich engagieren.