Der Werkzeug- und Formenbau befindet sich im Wandel – und das nicht erst seit gestern. Wer im Zeitalter der Digitalisierung nicht zugrunde gehen möchte, muss seinen Betrieb für die Zukunft rüsten. Vorbei ist es mit den klassischen Handwerksbetrieben. Gefragt sind industriell hoch anspruchsvoll aufgestellte Werkzeugbauten, die ihre Prozesse durchgängig vernetzt haben und ein ausgetüfteltes Wissensmanagement betreiben. In der Theorie mag das nachvollziehbar klingen – aber praktisch ist das - Stand jetzt - kaum umsetzbar.

Das musste zumindest Jens Buchert ernüchtert feststellen, heutiger Geschäftsführer beim Karl Walter Formen- und Kokillenbau. Wer einen Blick auf seinen beruflichen Werdegang wirft, stellt fest, dass er lange Zeit im Softwareumfeld tätig war, bevor er sich als Geschäftsführer eines Modellbaus und später dann im Vertrieb von Softwareprodukten des weltweit größten Maschinenherstellers DMG Mori geübt hatte. "Wir alle kennen die wirklich tollen Power-Point-Präsentationen und Grafiken der Softwareunternehmen. Die sind auch toll, aber bringen uns einfach nicht weiter", erklärt Buchert bei der "voll wild"-Veranstaltung des Verbands Deutscher Werkzeug- und Formenbauer (VDWF), auf der Geschäftsführern aus der Branche die Möglichkeit zum Austausch gegeben wird.

"voll wild" zu Gast bei Knarr in Helmbrechts

Für die "voll wild"-Veranstaltung am 19. November 2019 konnte der VDWF den Komplettanbieter Knarr als Gastgeber gewinnen. Insgesamt 58 Teilnehmer reisten für das Branchentreffen in das oberfränkische Helmbrechts. Neben spannenden Fachvorträgen erwartete die Unternehmergeneration der Werkzeug- und Formenbaubranche praktische Einblicke in die Fertigungsräume beim Normalienspezialisten Knarr und dem benachbarten Werkzeugbau Wirth, einem renommierten mittelständischen Familienunternehmen mit rund 100 Mitarbeitern.

Werkzeugbau zukunftssicher aufstellen

Jens Buchert im Vortrag
Jens Buchert in seinem Vortrag bei "voll wild" zum Thema "Zukunftssicherung im Werkzeugbau durch Industrie 4.0". - Bild: VDWF

Buchert übernahm zum 1. November 2016 den Karl Walter Formen- und Kokillenbau in Göppingen und erntete dafür in Helmbrechts höchste Anerkennung vieler seiner Branchenkollegen. "Ich habe mich bewusst für den Kauf eines Werkzeugbaus entschieden", erklärt Buchert. "Zu lange habe ich in der Vergangenheit versucht, Prozesse beim Kunden dahingehend zu verändern, dass wirklich der Benefit rauskommt. Nun wollte ich es einfach selbst ausprobieren."

Für Buchert befindet sich die Welt gerade auf der Überholspur: "Ich habe immer die Vision vor Augen, dass wir relativ schnell autonom Autofahren können, unsere Jungs an den Fräs-, Erodier- oder Drehmaschinen aber auch in Zukunft immer noch davorstehen und reinschauen werden, um zu sehen, ob der Fräser fräst und in welcher Richtung er sich bewegt. Hier muss sich etwas tun. So können wir auf Dauer nicht zukunftsfähig sein". In seinem Vortrag ruft Buchert die Teilnehmer zur Veränderung rund um Themen der Digitalisierung auf und zeigt seinen Weg Schritt für Schritt hin zu einem industriellen Werkzeugbau.

Lesen Sie hier das Interview mit Jens Buchert, Geschäftsführer Karl Walter Formen- und Kokillenbau.

Mitarbeiter berufsbegleitend qualifizieren

Aber nicht nur die Zukunftssicherung im Werkzeugbau durch Industrie 4.0 war Bestandteil im Vortragsprogramm des VDWF. Claudia Michel vom Zentrum für Weiterbildung der Hochschule in Schmalkalden präsentierte ein umfangreiches Weiterbildungsangebot. Sie stellte unter anderem berufsbegleitende Studiengänge vor und erläuterte den Teilnehmer die Vorteile aus Sicht der Arbeitgeber und der Studierenden.

Was ist das Zentrum für Weiterbildung in Schmalkalden?

Das Zentrum für Weiterbildung in Schmalkalden wurde 2004 gegründet mit dem Ziel, Personen, die schon fest im Berufsleben verankert sind, eine Weiterbildungsmöglichkeit zu geben. Das Angebot umfasst mehr als 30 verschiedene Studienrichtungen. Die Absolventen erlangen einen international anerkannten Abschluss. Gestartet ist das Zentrum für Weiterbildung vor 15 Jahren mit 50 Studierende. Im Jahr 2019 zählt das Zentrum 600 Studierende, was derzeit fast ein Viertel der Gesamtzahl der an der Hochschule in Schmalkalden Studierenden ausmacht.

Nachwuchs für die Kunststoffbranche

Stefan Hofmann
Stefan Hofmann, Geschäftsführer Werkzeugbau Siegfried Hofmann GmbH, setzt sich für den Nachwuchs in der Kunststoffbranche ein. Bild: Hofmann GmbH

Stefan Hofmann, Geschäftsführer Werkzeugbau Siegfried Hofmann GmbH, liegt ein Thema besonders am Herzen: "Wenn wir keinen Nachwuchs für die Kunststofftechnik finden, brauchen wir uns über alles Künftige keine Gedanken mehr machen. Denn dann wird´s uns nicht mehr geben. Davon bin ich überzeugt". Als Mitglied des Kunststoff-Netzwerks Franken stellte er den Geschäftsführern bei "voll wild" "Faszination Kunststoff" vor. Ziel dieser Initiative ist es, die Kunststoffindustrie als Arbeitgeber attraktiv zu präsentieren. Die Plattform soll für Transparenz sorgen und die verschiedenen Möglichkeiten innerhalb der Branche aufzeigen, um junge Leute zum einen in das Themenfeld einzuführen und zum anderen dafür zu begeistern.

Hofmann: "Der Begriff Plastik ist heutzutage sehr negativ konnotiert. Dabei ist Kunststoff für unsere Gesellschaft gut und wichtig, ja sogar notwendig. Die Presse rückt Kunststoff und die Branche an sich in ein schlechtes Licht. Umso wichtiger, dass wir an dem Image arbeiten und aufzeigen, was für ein attraktiver Berufszweig dahintersteckt."

Was ist das Kunststoff-Netzwerk Franken?

Das Kunststoff-Netzwerk Franken wurde 2003 gegründet und hat aktuell 220 Mitglieder. Die Ursprungsidee zielte darauf ab, eine Plattform für den wechselseitigen technischen Austausch zu schaffen. Neben typischen Netzwerk-Veranstaltungen profitieren die Mitglieder zum Beispiel von Arbeitskreisen, Schulungen und unterstützenden Maßnahmen bei der Suche nach zukünftigen Fachkräften. Finden Sie hier alles über "Faszination Kunststoff".

Werkzeugbaubesichtigung beim Normalienhersteller

Wer das Veranstaltungsformat "voll wild" des VDWF kennt, weiß, dass die Fachvorträge den Weg bahnen für den eigentlich interessanten Teil, das Herzstück des Events: die Betriebsbesichtigung von spannenden Werkzeug- und Formenbauten.

Diesmal öffneten die Spezialisten von Knarr ihre Tore am Stammsitz in Helmbrechts. Hervorgegangen aus einer kleinen Garage im Jahr 1994 hat sich das Unternehmen bis heute zu einem international agierenden Partner für Normteile für den Formenbau entwickelt.

Bereits sechs Jahre nach Gründung der "Rainer Knarr Werkzeugfertigung" 1994 kam bei dem Unternehmen der Vertrieb von Normteilen hinzu. Das Programm rund um die Auswerfertechnik wurde über die Jahre sukzessive um weitere Normelemente erweitert. Mit der Ergänzung von Einzelplatten und kompletten Formgestellen gilt Knarr nun seit sechs Jahren als Komplettanbieter in diesem Bereich.

Knarr ist Zulieferer für den Werkzeug-, Formen- und Maschinenbau. Und auch, wenn sich das mittelständische Unternehmen mit Standardteilen beschäftigt, liegt eine ihrer Kernkompetenzen in der Sonderteilfertigung. Welcher Maschinenpark ihnen dafür zur Verfügung steht und auf welche Fertigungstechnologien sie in der Produktion setzen, davon konnten sich die Jungunternehmer im Rundgang durch die Fertigungsräume selbst ein Bild machen.

Werkzeugbau Wirth überzeugt mit Entwicklungsdrang

Spannende Einblicke in die Praxis gab es auch beim Werkzeugbau Wirth. Auf zirka 4000 m² Produktionsfläche werden dort Werkzeuge und Formen bis zu 40 Tonnen konstruiert und absolut papierlos gefertigt. Besonders beeindruckend ist der Entwicklungsdrang, den Geschäftsführer Werner Wirth lebt und auf seine Mitarbeiter überträgt. In dem 8000 m² großen und hochmodernen Technikum verfügen die Spezialisten über Spritzgussmaschinen mit bis zu 16 000 kN Schließkraft. Neben Prototypen können dort auch Vorserien und Kleinserien produziert werden.

Der 1989 gegründete Werkzeugbau Wirth feierte in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum und ist Partner für innovative Lösungen unter anderem für Produkte großer namhafter Automobilhersteller. Das Unternehmen investiert in Kunststoffspritzgusstechnologien wie etwa die MuCell-Technologie. Das Leistungsspektrum reicht von der Simulation, Konstruktion, Spritzgusswerkzeugfertigung über die Bemusterung und Kleinserienfertigung bis hin zur Forschung und Entwicklung. Aktuell werden mehr als 90 Mitarbeiter im Betrieb beschäftigt.

Werkzeugbauer müssen sich vernetzen

VDWF-Netzwerk
Der VDWF bietet der Branche mit Formaten wie "voll wild" eine Plattform zum Austausch und Netzwerken. - Bild: VDWF

Im September erst hat der Werkzeugbau Wirth zu seinem allerersten Technologietag eingeladen. Und für den VDWF hat das Unternehmen sich nochmal geöffnet, für Kollegen aus der Branche. Auch diese Entwicklung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn wie es Jens Buchert gleich zu Beginn des Events "voll wild" auf den Punkt brachte: "Die Werkzeug- und Formenbauer müssen sich vernetzen, um gemeinsam für Weiterentwicklung zu sorgen. Nur so wird es uns möglich sein, uns langfristig von der Konkurrenz aus Fern-Ost abzuheben."

Am Ende des Veranstaltungstages wartete auf die Teilnehmer noch eine Führung in Maisel´s Bier-Erlebniswelt in Bayreuth. Dort konnte nochmal der Netzwerkgedanke vertieft werden. Denn neben all dem Fachlichen, ist es letztlich doch das nette Zusammensein in einer angenehmen Atmosphäre, das die Leute aus der Branche verbindet. mf

Wann ist die nächste "voll wild"-Veranstaltung?

Der Terminplan des VDWF ist fürs nächste Jahr bereits gut bestückt. Sie haben Lust bekommen auch Teil etwas ganz Großem zu sein? Die nächste "voll wild"-Veranstaltung ist für den 16. Juni 2020 in Thüringen geplant. Freuen Sie sich auf interessante Besichtigungen der Werkzeugbauten Henke und Formconsult. Weitere Infos finden Sie hier.