“Gedankenprozesse bei kleinen Losen aufbrechen”

werkzeug&formenbau-Redakteur Martin Droysen sprach mit dem Unternehmensmitbegründer Klaus Kreim

Zimmer & Kreim sieht sich bei Senkerodiermaschinen als ein Pionier der ersten Stunde. Wie kam es dazu?
Gegründet wurde Zimmer & Kreim 1985 von Alfred Zimmer und mir. Die erste Erodiermaschine PEC600 mit einer Tischlänge von 600 mm in X-Richtung war ausgestattet mit einem eigenen Generator und Heidenhain-Steuerung, die jedoch kurze Zeit später abgekündigt wurde. Das Problem zu der Zeit war, dass es keine Steuerung gab. Etablierte Unternehmen machten ihre eigenen Steuerungen, und Funkenerosion war ein sehr kleiner Sektor.

Wo hatten Sie dann die Steuerungen her?
Da wir viel Know-how mitbrachten, konnten wir eine eigene Steuerung für das Erodieren entwickeln. 1986 kam der Kontakt zu Indel aus der Schweiz zustande, einem Hersteller von Steuerungskomponenten mit einem großen Produkt-Spektrum, das nicht nur für Werkzeug- oder Erodiermaschinen geeignet war. Hilfreich war auch deren Software. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Elektronik: Dank neuer SMD-Bauteile konnten leistungsfähigere Steuerungselektroniken mit mehr Funktionen entwickelt werden. Das führte dazu, dass wir mehr die Konstruktion und Technologie im eigenen Haus machten, die Elektronik aber von Indel übernommen wurde. Aus unserem Haus kommt die Bedienoberfläche, Indel liefert die Hardware. Inzwischen fungiert ein leistungsfähiger RISC-Prozessor als Steuerung.

War es nicht schwierig, als Newcomer damit Geld zu verdienen?
Nein, Herr Droysen – wir schrieben von Anfang an schwarze Zahlen, obwohl wir in dem kleinen Sektor Senkerodieren Neulinge waren. Hier kam uns der Zufall etwas zu Hilfe: Weil bei Lego die Maschine eines anderen Herstellers ausgefallen war, wurde Ersatz gesucht, und die Wahl fiel auf eine Maschine von Zimmer & Kreim. Ein ausschlaggebender Grund war die Konstruktion. Für damalige Zeiten war die Neukonstruktion aus Guss eine Neuheit, die eine hohe Genauigkeit ermöglichte.

Lego stellt Spielzeug her – ist da der Formenbau so anspruchsvoll?
Die Gussformen bei Lego, obschon sie „nur“ Kinderspielzeug herstellen, mussten dennoch Genauigkeiten von 2 µm aufweisen. Und das lieferte unsere Erodiermaschine. Die Formen für die Legobausteine wurden damals an drei Standorten in der Schweiz gebaut. Als wir die Maschinen geliefert hatten, war zunächst Funkstille. Erst einige Zeit später hörten wir wieder etwas von den Dänen – eine Bestellung über weitere 20 Maschinen. Für Zimmer & Kreim war das ein großer Erfolg und gewissermaßen ein Durchbruch am Markt, da Marktgrößen wie Lego bei ihren Investitionen genauestens beobachtet wurden.

Wo setzen Sie den Schwerpunkt beim Bau Ihrer Maschinen?
Im Gegensatz zu anderen Maschinenherstellern blieb bei Zimmer & Kreim die mechanische Grundgenauigkeit stets im Fokus. Die kostet zwar mehr als die elektronische Kompensation, für uns muss diese hohe Genauigkeit aber aus der mechanischen Basis kommen.

Recht früh hat Ihr Unternehmen auf Automatisierung gesetzt. Wieso?
Zur Bearbeitung von Bauteilen sind meist mehrere Elektroden notwendig, daher wurden zur besseren Auslastung die ersten Wechsler bereits sehr früh eingesetzt. Daher wurde an die ersten Maschinen ein selbstentwickelter Zwölffachwechsler für Elektroden mit einem Erowa-Spannsystem angebaut. Unvergleichlich für die damalige Zeit war der Preis von etwa 12 000 DM. Ein Mitbewerber hatte einen Achtfachwechsler mit 16er-Schaft und Anschlag, der aber schwerer zu bedienen und deutlich teurer war. Das war sozusagen der Beginn der Automatisierung.

Besteht bei Wechselsystemen nicht die Gefahr von Ungenauigkeiten?
Nein, denn die Genauigkeit der Bauteile steckt dabei im Spannsystem, nicht im Wechsler. Das wurde bereits in frühen Konzepten erfasst und umgesetzt. Bei der Durchsetzung des Handlings-Systems spielten die auf einem definierten Teller gespannten Bauteile eine große Rolle. Zudem bot es den Vorteil, hauptzeitparallel zu rüsten und zu messen. Bereits im Jahr 1989 kam die 850er-Maschine mit einem größeren Wechsler für 16 Elektroden und auch einem Kettenwechsler, der platzsparend bis zu 50 Elektroden einwechseln konnte. Kurz darauf kamen die ersten Palettenwechsler, womit auch automatisiert mehrere Bauteile nacheinander bearbeitet werden konnten.

Zimmer 2

„Wir müssen das entwickeln, was der Markt verlangt.“
Klaus Kreim, Geschäftsführender Gesellschafter, Zimmer & Kreim

Mit der Zeit wurden also die Automatisierungslösungen immer umfangreicher …
… ja, denn von Anwenderseite kam die Forderung nach mehr Plätzen. Ein runder Wechsler ist begrenzt, daher war als Schlussfolgerung ein Regalsystem die Lösung. So kam 1999 der erste schnelle Prototyp Vario Change mit Platz für 140 Elektroden und Duo Change für kleinere Paletten auf den Markt. Das Zimmer & Kreim-Handling schafft Paletten bis zu einem Gewicht von 120 kg. Zeitgleich wurde ein Identifikationssystem entwickelt, in Zusammenarbeit mit dem damaligen Unternehmen Zwicker.

Das heißt, die Erodiermaschine wurde zur flexiblen Fertigungszelle?
Ja. Aber nicht nur: Als erster Hersteller haben wir auch eine Messmaschine integriert. Dabei wird der aufgespannte Rohling vermessen, die Daten werden in das System geleitet. Diese Entwicklung war sozusagen der Startschuss für das dynamisch erweiterbare Chameleon-Handling-System, da für eine automatisierte Fertigung nur ein Roboterturm auf einer Linearachse benötigt werden. Unsere Entwicklungen waren stets dem Markt voraus und trafen den Nerv der Anwender.

Das heißt, der Markt hat die Unternehmensentwicklung beeinflusst?
Ja, so kann man es sehen – lediglich Erodiermaschinen herzustellen reichte nicht mehr aus, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Aufgrund des Drucks aus der Industrie wurden Puffersysteme benötigt. Diese flexiblen Systeme mit Roboter verschafften den Anwendern Vorteile und einen hohen Nutzen. So konnten die Maschinen etwa mannlos in der Nachtschicht arbeiten und die zeitintensiven Arbeiten wie Programmierung, Spannen und Vermessen hauptzeitparallel durchgeführt werden. Getrieben von Anforderungen seitens der Anwender mussten auch die Senk­erodiermaschinen, die zumeist wegen teils langer Fertigungszeiten mit kleinen Losen beschickt werden, effizient und mit hoher Auslastung betrieben werden. Und das Handlings-System ist im Prinzip auch auf andere Maschinen portierbar.

Bei soviel Handling, was bleibt dann noch vom Erodieren?
Das Handling ist enorm wichtig, bleibt aber dennoch nur Mittel zum Zweck. Das Erodieren ist und bleibt unsere Kernkompetenz. Darüber hinaus begleiten wir den Anwender heute sehr früh. Es gilt, den Gedankenprozess aufzubrechen und auch bei kleinen Stückzahlen bis Losgröße 1 die Prozesse als Serienfertigung zu betrachten. Zudem hat der Anwender über das gesamte System nur einen Ansprechpartner.

Was steht für die Zukunft auf dem Programm?
Zur EMO wird es eine Neuheit bei den Generatoren geben. Damit werden unsere Maschinen noch leistungsfähiger. Und es gibt bereits die ersten Ausblicke, wie kombiniertes Erodieren und Laserbearbeiten einen Mehrwert schaffen kann. Unser Ziel ist, den einst reinen Maschinenhersteller Zimmer & Kreim auch als Sondermaschinen- und Anlagenbauer sowie als Komplettanbieter und als Softwaresystemhaus noch besser zu etablieren.