„Es gibt eine große Angst, die die Konkurrenten der deutschen Werkzeugmacher haben. Nämlich, dass die Unternehmen hier beginnen, miteinander zu sprechen.“
Heiko Semrau (rechts), im Bild 
mit Ralf Dürrwächter

„Es gibt eine große Angst, die die Konkurrenten der deutschen Werkzeugmacher haben. Nämlich, dass die Unternehmen hier beginnen, miteinander zu sprechen.“ Heiko Semrau (rechts), im Bild mit Ralf Dürrwächter

Herr Dürrwächter, Herr Semrau, warum leistet sich der VDWF nun eine Doppelspitze?
Heiko Semrau: Das hat zweierlei Gründe: Zum einem ist der Verband gewachsen, und die Aktivitäten sind umfangreicher geworden und auch mit einem größeren Budget verbunden. Da ist es wichtig, dass das Vieraugen-Prinzip herrscht, dass also mehrere Personen auf die Vorgänge Zugriff haben und auch unterschriftsberechtigt sind. Zum anderen können wir mit der Doppelspitze nun die Vertretungsregelung adäquat umsetzen. Wenn jemand im Urlaub oder unterwegs ist, ist der Verband nun weiterhin tages- und stundenaktuell handlungsfähig.

Wie wird die Aufgabenverteilung zwischen Ihnen beiden sein?
Ralf Dürrwächter: Heiko Semrau wird technischer Geschäftsführer sein, und ich kümmere mich um alles, was mit Marketing und dem Kaufmännischen zu tun hat. Diese Trennung geschieht vor allem aufgrund unserer Qualifikationen, da Heiko Semrau einen technischen Hintergrund hat und ich aus dem kaufmännischen Bereich komme. Das heißt auch, dass Heiko Semrau hauptsächlich in der Geschäftsstelle anzutreffen ist und ich von unterwegs oder vom Home-Office aus agiere. In kontinuierlichen Abständen bin ich aber natürlich auch in der VDWF-Geschäftsstelle in Schwendi.

Was können Sie im Hauptamt leisten und was nicht?
Ralf Dürrwächter: Wir sehen unsere Aufgabe darin, Angebote für die Branche zu initiieren, über Dinge nachzudenken und sie gegebenenfalls auf den Weg zu bringen. Aber um letztendlich unsere Veranstaltungen und Aktionen mit Leben zu füllen, ist die Branche gefragt. Zum einen als Teilnehmer, zum anderen brauchen wir sogenannte Paten, die uns helfen, noch tiefer in die Branche hineinzugehen und die Angebote spezifisch ausrichten zu können.

Bei Ihnen wird mittlerweile auch einiges ausgelagert.
Heiko Semrau: Bei vielen Dingen, die wir früher komplett selbst gemacht haben, ist jetzt ein Punkt erreicht, an dem wir vor allem koordinierend tätig sind. So etwa bei unserem Gemeinschafts-Messestand, wo wir beim Aufbau zwar mit vor Ort sind, das Ganze aber über ein gewachsenes Netzwerk mit Dienstleistern professionell abgewickelt wird. So muss der Geschäftsführer nicht mehr im Blaumann und mit Bohrmaschine in der Hand auf dem Messestand stehen. Ziel ist es, dass wir vermehrt strategisch arbeiten und nicht mehr rein operativ.

Warum sollte sich jemand für den VDWF interessieren?
Ralf Dürrwächter: Die Vorteile sind vielschichtig. Vordergründig rechnet es sich finanziell über Rabatte etwa für Anzeigenschaltungen im VDWF-Magazin oder für den Besuch von unseren Seminaren. Natürlich bieten wir – wie auch andere Verbände – Serviceleistungen wie Rechtsberatung oder die Koordination von Einkaufsgemeinschaften an. Aber der unbezahlbare Vorteil ist das, was man nicht konkret in die Hand nehmen kann: das gelebte Netzwerk. Vielleicht sind die Kaffeepausen bei den VDWF-Veranstaltungen die wertvollste Zeit, weil hier der Austausch unter Mitgliedern stattfindet. Diese Atmosphäre ist schwierig zu beschreiben. Ich kann nur jeden Interessenten dazu einladen, unverbindlich zu einem unserer Workshops zu kommen und diese offenen Gespräche im Netzwerk unter Gleichgesinnten zu erleben.

Was können Werkzeugbauer zukünftig vom VDWF erwarten?
Heiko Semrau: Nachdem wir es jetzt auf der Moulding Expo in Stuttgart geschafft haben, das „Wohnzimmer“ des Werkzeug- und Formenbaus einzurichten, geht’s jetzt ans „Klassenzimmer“, also mit Nachdruck an alles, was mit Aus-, Weiter- und Fortbildung zu tun hat. Das betrifft die überbetriebliche Azubi-Ausbildung, Seminare und Foren, aber natürlich auch unsere berufsbegleitenden Studiengänge. Das ist in erster Linie keine Arbeit ausschließlich für ihre Mitglieder, sondern Entwicklungshilfe für den gesamten deutschen Werkzeug- und Formenbau.
Ralf Dürrwächter: Genau, wir betreiben Lobbyarbeit für die gesamte Branche. Das ist unser Anliegen.

Wo liegen künftig Schwerpunkte in der Aus- und Weiterbildung?
Ralf Dürrwächter: Nachdem wir schon seit mehreren Jahren mit drei Studiengängen in der Erwachsenenbildung tätig sind, gewinnt die Azubi-Initiative im Spritzgussbereich zunehmend an Bedeutung. Seit Anfang des Jahres gibt es entsprechende Lehrmodule auch für den Stanz- und Umformwerkzeugbau. In unser Seminarprogramm haben wir viele neue Angebote aufgenommen, die speziell auf den Werkzeug- und Formenbau zugeschnitten sind. Etwa Workshops zu betriebswirtschaftlichen Themen – hierzu haben wir ein Planspiel entwickelt, mit dem man im Workshop ganze Geschäftsjahre simulieret. Und unser Seminar zur neuen DIN über die Maßhaltigkeit von Kunststoffformteilen wird vor allem Spritzgussformenbauer und Spritzgießer interessieren. Man kann sehr viel Geld sparen, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt.

Arbeiten Sie hier auch mit anderen Verbänden zusammen?
Ralf Dürrwächter: Aktuell tauschen wir uns in Bezug auf das Seminarprogramm mit anderen Verbänden – auch im deutschsprachigen Ausland – aus, um Lehrinhalte anderer Institutionen für unsere Mitglieder anbieten zu können. Seit zwei Jahren gibt es etwa das VDWF-VDMA-Anwenderforum, und auch bei der Moulding Expo bilden wir mit dem VDMA, mit dem MF und dem VDW gemeinsam die fachliche und ideelle Trägerschaft und haben bei der „Ausbildungsstraße“ auf der Messe unsere Interessen gebündelt. Das ist hier eine sehr konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit, um gemeinsam für die Branche etwas zu bewegen.

 Wie kann die öffentliche Wahrnehmung des Werkzeug- und Formenbaus verbessert werden?
Heiko Semrau: Wichtig ist, in den Vordergrund zu rücken, dass es sich hier um einen zukunftsorientierten, hochtechnologischen Beruf dreht. Der Werkzeug- und Formenbau muss als befähigende Branche präsentiert werden, die die Schnittstelle zwischen Handwerk und großindustrieller Produktion bildet und somit eine wirtschaftliche Schlüsselposition einnimmt. Technisch versierte Jugendliche müssen Appetit auf die Vielfalt im Werkzeug- und Formenbau bekommen, sie müssen sehen und verstehen, dass hier die Grundlage für die Produktion der unterschiedlichsten Artikel in Metall und Kunststoff geschaffen wird – von der Porsche-Stoßstange über Operations-Besteck für den Chirurgen bis zum Klarinetten-Mundstück oder zum Smartphone. Und das alles mit neuesten Maschinen und mit Genauigkeiten im Mikrometer-Bereich, wo andere gar nicht mitkommen können. Es gibt viele schöne Unternehmen, kleine „Hidden-Champions“, die den jungen Leuten unglaubliche Möglichkeiten für ihre Zukunft bieten können. Gleichzeitig könnten diese Unternehmen mit einer zeitgemäßen Lehrlingsausbildung ihren eigenen Facharbeiter-Nachwuchs sichern. Darum haben wir jetzt auch einen Kino-Spot gedreht, den Unternehmen – mit ihrem Logo und mit ihren Kontaktdaten versehen – bei der Lehrlingssuche verwenden können.

Welche Herausforderungen kommen auf die Branche noch zu?
Heiko Semrau: Natürlich werden Internationalisierung und Globalisierung weiter zunehmen, genau wie der Kostendruck. Hier bietet der Verband eine Plattform, auf der sich die Mitglieder austauschen können. Vor allem hier in Deutschland müssen wir anfangen, miteinander zu kommunizieren. Es gibt eine große Angst, die die Konkurrenten der deutschen Werkzeugmacher haben. Nämlich, dass die Unternehmen hier beginnen, miteinander zu sprechen. Also: Einerseits muss in Deutschland der Imagewechsel stattfinden, dass sich Werkzeugmacher nicht mehr als Konkurrenten sehen, sondern als Kollegen. Und dann muss man auch bereit sein, von Kollegen zu lernen und andere Meinungen anzunehmen. Zudem sind unsere Delegationsreisen – die nächste im Frühjahr 2016 nach China – ein wichtiges Werkzeug, um Ängste zu nehmen. Wer seinen Gegner kennt, kann ihn realistisch einschätzen.

Wo sieht sich der VDWF in 10 Jahren?
Heiko Semrau: Wir werden 2025 sicher ein starker, aktiver Dienstleister für den Werkzeug- und Formenbau sein, gut vernetzt. Denn wir wollen die dynamische Entwicklung fortführen. Sicher ist aber auch, dass wir weiter mit Freude und Leidenschaft für eine Branche tätig sein werden, die immer die Nase vorn haben wird.