Gregor Jell

"Biokunststoffe sind nach wie vor sehr verrufen. Dass der CO2-Ausstoß oder Giftstoffe mit ihnen reduziert oder fossile Rohstoffe geschont werden können, sehen die wenigsten." Gregor Jell, Jell GmbH & Co. KG – Bild: Jell

Herr Jell, Sie setzen sich für Biokunststoffe ein. Wie kam es dazu?
Plastik ist allgegenwärtig – genauso wie all die Umweltdebatten. In der Öffentlichkeit werden wir als ein Unternehmen gesehen, das in der Kunststoffbranche arbeitet und infolgedessen aktiv Müll erzeugt. In den Augen vieler sind wir also schuld, dass Kunststoff- und Plastikmüll auf der ganzen Welt verteilt umherliegt und nicht wirklich entsorgt wird. Diese Ansicht bekam ich im privaten Umfeld immer wieder zu spüren.

Das bedeutet, Sie wurden aktiv darauf angesprochen?
Richtig. Von ganz Verschiedenen. Im Endeffekt haben sie recht, wir sitzen an der Quelle – selbst als kleines 20-Mann-Unternehmen. Seit Anfang des Jahres setzen wir uns deshalb intensiv mit Biokunststoffen auseinander. Dank unserer Kollegin Yvonne Kaltner, sie verantwortet das Projekt maßgebend, mussten wir schnell feststellen, wie umfangreich das Konstrukt Biokunststoff im Allgemeinen ist. Hier ist definitiv Know-how gefragt.

Was meinen Sie damit?
In erster Linie geht es darum: Was heißt Biokunststoff eigentlich und wie kann dieser definiert oder auch falsch interpretiert werden. Ähnlich wie in der Lebensmittelindustrie ist im Kunststoffsegment bio nicht gleich bio. Es gibt, sagen wir, hilfreiche und weniger hilfreiche Biokunststoffe, was etwa Plastikmüll oder Entsorgung betrifft. Dank unserer Recherche liegen uns nun wichtige Informationen und sehr aussagekräftige Statistiken vor. Wir mussten uns Know-how aneignen, um nun im zweiten Schritt schonend für die Umwelt agieren zu können.

Möchten Sie uns von Ihren Erkenntnissen berichten?
Kunststoff ist grundsätzlich ja nicht nur nachteilig oder per se schlecht. Werkzeug- und Formenbauer müssen nur richtig damit umgehen. Aktuell fehlt der Branche noch das Wissen, und Biokunststoffe sind nach wie vor sehr verrufen. Dass der CO2-Ausstoß oder Giftstoffe damit reduziert oder fossile Rohstoffe geschont werden können, sehen die wenigsten. Biokunststoffe gelten als unattraktiv – preislich, aber auch in ihren Eigenschaften.

Biokunststoffe richtig einsetzen

Der Biokunststoff kann nichts, ist zu wenig haltbar oder für zu wenig Anwendungsfälle zulässig, das hört man immer wieder …
… genau auf dieses Meinungsbild möchten wir zunehmend Einfluss nehmen. Es gibt mehrere Faktoren, die den Werkzeug- und Formenbau bislang davon abhalten, Biokunststoffe einzusetzen. Oft auch noch berechtigt. Gerade in der Massenproduktion ist es letztlich immer eine monetäre Geschichte. Als Unternehmen haben wir uns zum Ziel gemacht, unseren Teil am Umweltgeschehen beizutragen. Und selbst wenn es nur in Form von Aufklärungsarbeit und Wissensverbreitung ist.

In welchem Bereich hat die Branche denn Aufklärungsbedarf?
Biobasierte Kunststoffe werden auf Basis nachwachsender Rohstoffe erzeugt, etwa Mais, Weizen, Kartoffeln, Algen oder Holz. Zum einen aus kohlehydratreichen Pflanzen, zum anderen aber auch aus Abfällen der Lebensmittelindustrie wie Molke oder Apfeltrester. Beispiele für biobasierte und biologisch abbaubare Kunststoffe sind Polylactid (PLA), die Gruppe der Polyhydroxyalkanoate (PHA) sowie auch Stärkederivate. Wie erwähnt, kann der Begriff ‚bio‘ aber auch irreführend sein.

Wann ist das der Fall?
Etwa bei biologisch abbaubarem Kunststoff – der darf zwar als Biokunststoff deklariert werden, jedoch ist nicht jeder Kunststoff, der biologisch abbaubar ist, auch biobasiert. Es gibt auch biologisch abbaubare Kunststoffe mit einem erhöhten Erdölanteil. Und die stoßen deutlich mehr CO2 bei der Müllverbrennung aus als reine Biokunststoffe ohne Blends. Mit dem Begriff Biokunststoff muss man ehrlich umgehen. Wir möchten die gesamte Prozesskette beleuchten, bis zum Recyceln, wenn der Kunststoff seine ursprüngliche Form einnimmt.

Wie füllen Sie Ihre Vorreiterrolle aus?
Für die Moulding Expo in Stuttgart haben wir ein Spritzgusswerkzeug entworfen, mit dem wir Weißbierstamperl auf unserem Messestand live produzieren konnten. Unser Projekt bestand darin, einen ursprünglichen Einwegartikel und damit Müllerzeuger zu einem Mehrwegartikel umzugestalten, der im Bedarfsfall umweltschonend entsorgt werden kann. Anstatt eines herkömmlichen und umweltbelastenden Kunststoffs haben wir uns für einen spülmaschinentauglichen Biokunststoff Luminy L015 (PLA) entschieden.

Biokunststoffe im Werkzeug- und Formenbau richtig einsetzen

Wie gestaltete sich die Materialauswahl?
Zugegeben, als echte Herausforderung. Aber wir wollten mit dieser Aufgabe wachsen, und das ist uns gelungen. Bei der Auswahl von Biokunststoffen ist ein Werkzeugmacher deutlich eingeschränkter als bei herkömmlichen Materialien. Dessen muss man sich bewusst sein. Zudem verlangen biobasierte Materialien oft eine besondere Werkzeugtechnik. Etwa eine konturnahe Temperierung, die etwa einen weniger fließfähigen Biokunststoff produktionstauglich werden lässt.

Sind biobasierte Kunststoffe dann überhaupt praxistauglich?
Im Werkzeug- und Formenbau müssen Materialien ein bestimmtes Anforderungsprofil erfüllen. Sie müssen etwa spülmaschinentauglich oder temperaturbeständig sein oder eine Langzeitbeständigkeit aufweisen. Diese Kriterien lassen biobasierte Kunststoffe oft unattraktiv erscheinen. Das grundsätzliche Problem ist, dass umweltschonende Materialien noch nicht weit genug entwickelt sind. Und die Forschung steht dort nicht im Fokus, weil diese Kunststoffe schlicht zu teuer sind. Ein Teufelskreis…

Entwickeln Sie die Kunststoffe in Ihrem Unternehmen weiter?
Wir sehen uns eher als jemand, der das anstößt. Unternehmen, die Granulate herstellen, sind weit größer und haben die erforderliche Kompetenz. Wir möchten gern bei unseren Wurzeln bleiben und stehen mit technischen Informationen zur Verfügung.

Wie haben die Messebesucher denn auf Ihr Projekt reagiert?
Das Feedback hat unsere Erwartungen übertroffen. Wir haben das Publikum für das Thema sensibilisieren können, haben eine Menge Zuspruch und Input erhalten, konnten gleichzeitig aber auch Ansatzpunkte für weitere Kooperationen besprechen. Auffällig war das fehlende Wissen in Sachen Recycling.

Nachhaltigkeit steht im Fokus

Können Sie uns dazu ein konkretes Beispiel nennen?
Ein Kunststoff verliert bei jeder Wiederverwendung an Qualität, bis er nur noch energetisch zu verwerten ist. Der Kunststoffmüll wird also in einer Müllverbrennungsanlage verbrannt und Strom erzeugt. Letztlich ist eine Müllverbrennungsanlage weder gut noch schlecht. Wenn wir petrochemischen Kunststoff verbrennen, führt das zu einem hohen CO2-Ausstoß und dementsprechend zu einer größeren Umweltbelastung. Verbrennen wir jedoch in derselben Anlage einen Biokunststoff, ist der Vorgang umweltfreundlich, weil die CO2-Bilanz ausgeglichen ist.

Sicherlich gibt es dazu viele kontroverse Meinungen…
… definitiv. In der Öffentlichkeit wurde biobasierten Kunststoffen etwa ein schlechtes Image verpasst, da für den Anbau Düngemittel und Pestizide angewandt und landwirtschaftliche Flächen verbraucht werden. Tatsächlich werden in der Landwirtschaft gerade einmal 0,3 Prozent der Flächen für die Biokunststofferzeugung genutzt. Hier stecken Unmengen an Potenzial.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf Nachhaltigkeit für die Zukunft?
Ganz klar: ein Umdenken von Politik, Herstellern, Vertreibern und Verbrauchern. In Sachen Kunststoff würde ich mir wünschen, dass wir weniger produzieren, weniger konsumieren und mehr auf Qualität und Nachhaltigkeit achten. Nachhaltigkeit kann erreicht werden, wenn das Verhältnis zwischen petrochemischen Kunststoffen und Biokunststoffen verbessert wird. Als Mitglieder der Werkzeug- und Formenbaubranche sitzen wir gemeinsam an der Quelle, deshalb dürfen wir die Augen vor dem Klimawandel nicht verschließen. Wir müssen uns schulen, und wir müssen handeln. Und das am besten sofort. vg