“Ressourcen intelligent bündeln”

Herr Neumann, wozu braucht der Werkzeugbau ein Netzwerkprojekt?
Der meisterliche Werkzeugmacher früherer Zeiten, der seine Form oder sein Stanzwerkzeug in Eigenregie und mit fast künstlerischer Hingabe kreiert hat, ist heute fast vollständig aus den Unternehmen verschwunden. Werkzeug- und Formenbauer sind längst keine Einzelkämpfer mehr – die zunehmende Komplexität der Werkzeuge hat dazu geführt, dass Werkzeuge als arbeitsteilig ausgeführte Projekte entstehen. Immer kürzer werdende Produktzyklen sowie der Trend auf Einkäuferseite, nicht mehr einzelne Werkzeuge, sondern ganze Werkzeugpakete zu beauftragen, führen zudem dazu, dass es einzelne Unternehmen im Wettbewerb zunehmend schwerer haben. Hier können Netzwerke helfen – deshalb haben wir unser Projekt ins Leben gerufen.

Wo sehen Sie denn hier Ansatzpunkte?
Aufgrund vieler Projekte, die wir mit dem Werkzeugbau-Institut in der Vergangenheit begleiten durften, wissen wir, dass es einerseits bei den Unternehmen im Werkzeug- und Formenbau ein enormes Entwicklungspotenzial gibt. Andererseits haben sich sehr viele Betriebe stark spezialisiert und eine Kernkompetenz erarbeitet, die sie besonders gut beherrschen. Sie verfügen für sich gesehen in ihren Nischen über ein großes Know-how, das über ihre Werkzeugprojekte für die Industriekunden angesammelt wurde. Da inzwischen sehr viele Werkzeugprojekte Kompetenzen aus unterschiedlichen Bereichen verlangen, liegt es nahe, Wissen und Ressourcen intelligent zu bündeln.

Welches Ziel verfolgt das Netzwerkprojekt?
Ziel ist, mit den besten Köpfen und Systemen sowohl für die beteiligten Unternehmen als auch den Kunden einen optimalen Prozessablauf und ein optimales Produkt sicherzustellen. Das bedeutet, dass Ressourcen und Kompetenzen der Projektpartner gebündelt werden, um gemeinsam ein Produkt oder eine Dienstleistung an den Markt zu bringen. Darüber hinaus soll im Zuge des Technologietransfers zwischen den Unternehmen das Netzwerk gestärkt werden – so soll jeder einzelne Partner über einen Kompetenzzugewinn profitieren.

Was sind die Voraussetzungen, dass ein Netzwerk funktioniert?
Nun, von Vorteil ist, wenn die beteiligten Werkzeugbauunternehmen in unterschiedlichen Branchen und mit unterschiedlichen Werkzeug- und Fertigungstechnologien aktiv sind – so lassen sich am einfachsten Synergien erzielen und die Voraussetzungen für eine breit gestreutes Potenzial an Aufträgen schaffen. Darüber hinaus ist wichtig, dass jeder Beteiligte für sich in seinem Marktsegment erfolgreich tätig ist. Zudem müssen alle Partner interessiert sein, neue Kontakte zu anderen Unternehmen zu knüpfen und Synergien zu nutzen, beispielsweise in der Produktentwicklung oder bezüglich Kons­truktions- Werkzeugbau- oder Fertigungs-Know-how.

Wie soll das erreicht werden?
Organisatorisch sollen in diesem Projekt unternehmensübergreifend kooperative Strukturen geschaffen werden, die die Kompetenzen der einzelnen Partner berücksichtigen und diese auch für die Zukunft für unterschiedliche Aufgaben seitens der Kunden für die gesamte Gruppe nutzbar zu machen.

Und was bringt solch ein Netzwerk letztendlich?
Die verbesserten Möglichkeiten in einem funktionierenden Netzwerk mit etablierten Kommunikationsstrukturen konkrete Projektanfragen schnell und effizient bearbeiten zu können, bringen den beteiligten Unternehmen einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber Einzelkämpfern. Das führt nach unserer Einschätzung dazu, dass ein Umsatzwachstum von mittelfristig 10 bis 15 Prozent bei den Netzwerkpartnern realistisch ist.

Wenn sich Synergien einstellen – führt das nicht dazu, dass die Unternehmen Mitarbeiter entlassen?
Nein, das ist aber ja auch nicht Sinn der Sache. Das Gegenteil ist der Fall: Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Aufgabe des Projektmanagements nur übergangsweise vom Bestandspersonal als zusätzliche Arbeit miterledigt werden kann. Mittelfristig müssen hierfür zusätzliche personelle Kapazitäten geschaffen werden. Damit werden also nicht nur die bestehenden Arbeitsplätze gesichert, es entstehen sogar neue Stellen.

Wie soll solch ein Netzwerk nach außen agieren?
Ziel ist, dass die Partner in einem solchen Netzwerk den Markt gemeinsam akquirieren. Daraus sollen Entwicklungs-, Dienstleistungs- und Produktionsaufträge generiert werden, die nach vorheriger Einigung der Netzwerkpartner gemeinsam bearbeitet werden. Möglicherweise steht dann ja sogar die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft zur Akquirierung und Abwicklung von Projekten zur Diskussion.

Zusammenarbeit zwischen Werkzeug- und Formenbau und verlängerten Werkbänken gibt es ja schon. Was ist an diesem Projekt anders?
Anders ist, dass hier gemeinsame Strukturen etabliert werden sollen, dass hier gemeinsame Standards geschaffen werden, die verbindlich eingehalten werden. Das beginnt damit, dass in der Konstruktion einheitliche Regeln gelten für die Verwendung von Farben, für die Auswahl von Werkzeugen und ähnliches. Diese Standards, die sich durch die gesamte Prozesskette ziehen, garantieren einerseits einen durchgängigen, unternehmensunabhängigen Workflow, andererseits auch dem Kunden gegenüber die Einhaltung verbindlicher Eigenschaften. Sie sollen über alle beteiligten Unternehmen hinweg gelten.

Wie sollen denn die einzelnen Unternehmen unter einen Hut gebracht werden? Oft sprechen ja schon Konstruktion und Fertigung im gleichen Unternehmen unterschiedliche Sprachen …
Das, Herr Pergler, ist einer der wichtigsten Aspekte, die über das Gelingen solcher Netzwerkprojekte entscheiden. Denn die beteiligten Unternehmen müssen nach außen hin als Einheit agieren. Gemeinsame Projekte laufen logischerweise dann am besten, wenn die Schnittstellen zwischen den Unternehmen nicht mehr als Brüche in den Abläufen wahrgenommen werden, sondern wenn alles Hand in Hand ablaufen kann. Nach außen hin können diese Standards in einer Zertifizierung, einem Qualitätssiegel manifestiert werden. Ein Fernziel könnte sein, dass die Standards, die diesem Gütesiegel zugrunde liegen, eine einheitliche Richtschnur wird, die für alle Werkzeuge „Made in Germany“ verbindlich sind.

Braucht der deutsche Werkzeugbau denn ein solches Qualitätssiegel?
Ja. Ein solches Qualitätssiegel kann die Marke „Werkzeug- und Formenbau aus Deutschland“ nachhaltig stärken – nicht nur im Ausland, sondern auch im Inland, wo der Faktor Qualität von vielen Einkäufern inzwischen mangels technischer Sachkenntnis oft vernachlässigt wird. Ein Qualitätssiegel, das seinem Namen gerecht wird, garantiert die Einhaltung dieser Standards und signalisiert dem Einkäufer klar, dass er hier einen Leistungsumfang bekommt, der dafür sorgt, dass die Produktion reibungslos ablaufen kann. Und ich bin überzeugt, dass ein solches Modell den Druck der Produktionsabteilungen auf den Einkauf erhöht, künftig Werkzeuge zu beschaffen, die mit einem derartigen Qualitätssiegel diese Eigenschaften garantieren. Ein solches Siegel – das ist meine Überzeugung – würde nachhaltig dazu beitragen, die Unternehmen hierzulande mit ihrem hohen Qualitätsniveau langfristig zu stärken und fit zu machen für den weltweiten Wettbewerb.