Jens Buchert

Jens Buchert, Geschäftsführer Karl Walter Formen- und Kokillenbau, bei seinem Vortrag der "voll wild"-Veranstaltung des VDWF zum Thema "Zukunftssicherung im Werkzeugbau durch Industrie 4.0". - Bild: werkzeug&formenbau

Herr Buchert, warum ist eine Veränderung in der Branche wichtig?

Ganz einfach, weil uns die Welt überholt. Wir Werkzeug- und Formenbauer nutzen die Chancen nicht, die die Digitalisierung mit sich bringt. Ich staune immer wieder wie gut die Sprachfunktionen mit "Alexa" funktionieren. Ich hingegen, sehe mich immer wieder im Auto sitzen, fluchend, weil einfachste Sprachbefehle wie "Zieleingabe" oder "Radiosender" zum wiederholten Mal ins Leere führen. Ich habe im Laufe meines beruflichen Werdegangs sehr viele Betriebe gesehen. Ich glaube einfach, wir brauchen dringend einen Schritt in dieser Digitalisierung, um uns selber neu zu finden und uns neu zu definieren.

Wie geht man das Projekt "Werkzeugbau Industrie 4.0" strategisch klug an?

Wenn du deine Vision deinen Kollegen oder Freunden nicht in fünf Minuten erklären kannst, dann kannst du auch damit aufhören, weil die Leute es nicht verstehen werden. Das ist etwas, was ich lernen musste. Deshalb ist es meiner Meinung nach besonders wichtig, seine Ideen und die Themen, die dahinterstecken, erstmal möglichst attraktiv und sexy zu verpacken. Damit wir Menschen mitreißen können, und Anhänger finden, die mit uns diesen Weg beschreiten.

Jens Buchert, übernahm zum 1. November 2016 den Karl Walter Formen- und Kokillenbau in Göppingen. Lange Zeit war er im Softwareumfeld tätig, bevor er sich als Geschäftsführer eines Modellbaus und später dann im Vertrieb von Softwareprodukten des weltweit größten Maschinenherstellers DMG Mori geübt hatte. Da er lange versucht hat, Prozesse beim Kunden dahingehend zu verändern, dass wirklich der Benefit rauskommt, wollte er es dann einfach selbst ausprobieren.

Wie sieht dieser Weg dann aus?

Da fängt ein Teil des Problems schon an. Keiner von uns weiß, wie der goldene Weg in der Digitalisierung aussieht. Wir hören vereinzelt hier und dort mal etwas. Aber trotzdem müssen wir irgendwann beginnen. Denn ohne den ersten Schritt gemacht zu haben, werden wir auch nie ankommen. Wir haben da verschiedene Ansätze verfolgt.

Industrie-4.0-Netzwerk im VDWF

Welche Ansätze waren das?

Ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich mich als Quereinsteiger in der Branche über den Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer – VDWF – sehr schnell vernetzten kann und Ansprechpartner finde, die mir helfen können. Sei es auch nur mit einer Aussage über einen Weg, den sie schon einmal probiert haben, der dann aber nicht funktioniert hat. In unserer Branche hat jeder den Antrieb, das Rad neu zu erfinden. Das ist unsinnig. So habe ich versucht, mir im Umfeld des VDWF mein kleines Industrie-4.0-Netzwerk aufzubauen. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe, offen und ehrlich, das ist sehr inspirierend.

Welche Ziele verfolgen Sie denn seit der Unternehmensübernahme im November 2016?

Anfangs hatte ich das Gefühl, dass es selbst im Deutschen Museum in München moderner ist als bei uns. Von diesem Stand weg haben wir uns deutlich weiterentwickelt. Das war aber ein riesiger Kraftakt – auch aus finanzieller Sicht. Vor drei Jahren war die wirtschaftliche Situation noch anders. Heute leiden auch wir unter der schlechten Auftragslage. Aber wir haben genug interne Projekte, um die Kollegen auszulasten. Mein Ziel bleibt weiterhin, das Unternehmen so aufzustellen, dass es gestärkt und hoffentlich auch nochmal digitalisierter aus dieser Zeit hervorgehen kann.

Schritt für Schritt zum industriellen Werkzeugbau

Was waren Ihre Bemühungen um Industrie 4.0 ganz konkret?

Ich habe versucht die Jahresleistung zu maximieren. Mit Rüstzeiten verdient keiner von uns Geld. Durch Verbesserungen in der Programmierung, können wir heute von langen aber auch mannlosen Laufzeiten profitieren. Früher hatten wir Laufzeiten zwischen zwei und vier Stunden. Heute haben wir Komplettprogramme, die auch mal bis zu 60 Stunden durchlaufen. Dann haben wir mit kleineren Aufwänden versucht, eine digitale Durchgängigkeit zu erzeugen.

… was sicher nicht ganz einfach war.

Überhaupt nicht. Es gibt für uns in der Branche aktuell keine Lösung, die wir scheibchenweise integrieren können. Jeder bastelt für sich herum. Jeder hat ein anderes ERP-System, eine andere Schnittstelle. Bei jedem Update fluchen wir wochenlang bis alles wieder sauber läuft und am Ende ist man glücklich, dass man es irgendwie überlebt hat. Auch hier machen wir bei uns kleine Schritte, sind aber allein in der aktuellen Zeit nicht in der Lage, große Schritte zu machen oder Systeme gänzlich abzuschalten oder neu einzuführen.

Coaching für das ganze Unternehmen

Das wichtigste bleibt aber, die Mitarbeiter einzubeziehen …

Das ist auch ein Punkt, den ich erst lernen musste. Mehr als zwei Jahre lang habe ich versucht, meine Leute mitzureißen bevor mir ein Freund aufzeigte, wie wichtig es ist, einen Coach zu haben. Heute haben wir öfter im Monat Tagestermine. Was sind die persönlichen Ziele? Wie läuft es mit der Kommunikation? Es wird auch geredet über Akzeptanz der Umstellung gegenüber. Bei uns im Werkzeugbau ist es nahezu Naturgesetz, dass man an dem Alten festhalten muss. Ich habe dem Alten aber ein bisschen den Kampf angesagt. Durch das Coaching habe ich da eine Unterstützung bekommen.

"Durch das Coaching habe ich eine Unterstützung bekommen, wie ich die Menschen auf meinem Weg hin zu Industrie 4.0 mitnehmen kann."
Jens Buchert, Geschäftsführer beim Karl Walter Formen- und Kokillenbau

Was sind Ihre Bemühungen hinsichtlich Wissensmanagement?

Ich versuche immer die "normale Welt" mit der zu vergleichen, in der wir täglich arbeiten. Und da muss ich feststellen, verfügen wir noch nicht über eine "Alexa". Für unsere Standardprozesse nehmen wir immer noch in Kauf, dass wir an unsere Schränke gehen, sie aufmachen, Ordner angucken, stundenlang, um uns dann das herauszusuchen, was eigentlich digital im Idealfall sogar per Sprachassistent sofort abrufbar sein sollte. Natürlich hat der ein oder andere Excel-Listen durchnummeriert, das ist aber nicht State of the Art. Das stelle ich mir anders vor. Aber auch hier habe ich bis heute keinen Hersteller gefunden, der mir eine Spracherkennung generiert. Da ist die "normale Welt" um Faktoren schneller.

Derzeitige Kurzarbeit

Ist jetzt aufgeben angesagt?

Auf keinen Fall. Wir werden weiter versuchen, den gesamten digitalen Datenfluss im Unternehmen hinzubekommen. Und wir werden auch weiterhin an allen anderen Stellschrauben drehen, die für unsere Zukunftsfähigkeit wichtig sind. Wir haben bis heute viel Zeit aufgewendet, um unseren Mitarbeitern zu erklären, warum wir all diese Maßnahmen ergreifen. Wenn die wirtschaftlichen Einbrüche etwas Gutes haben, dann, dass wir jetzt an einem Punkt sind, wo sie es langsam verstehen. Wenn sie sehen, dass auch ein Daimler oder Bosch Leute entlässt, merken sie, dass hinter meinen Bemühungen der vergangenen drei Jahre nicht nur irgendein Hirngespinst, sondern ein konkretes Ziel steckt. Ja, wir haben Kurzarbeit, aber wir werden – anders als die großen Konzerne – keine Leute entlassen. Allein dafür hat sich der Aufwand schon gelohnt. mf

"Wir sind jederzeit offen für einen Besuch, wenn jemand in der Gegend ist. Kommt vorbei, schaut euch an, welche einzelnen Lösungen wir etabliert haben, die uns gemeinsam weiterhelfen. Ich kann jeden nur ermutigen, auch diesen Schritt zu gehen. Für mich ist warten keine Lösung."
Jens Buchert, Geschäftsführer beim Karl Walter Formen- und Kokillenbau in Göppingen