Konsequent papierlos

KG in Laichingen auf der Schwäbischen Alb

Wie in jedem anderen Formenbau werden auch bei Schaufler Tooling CAD-Modelle aufgebaut und Daten generiert, nach denen die Fertigung und die Montage arbeiten müssen. Doch einen Plotter sucht man hier vergebens. Die gute alte Zeichnung gehört endgültig der Vergangenheit an.

„Seit Mitte 2012 fertigen wir durchgehend papierlos“, erklärt Reiner Schaufler, geschäftsführender Inhaber. „Wir waren ziemlich radikal: Die Umstellung dauerte etwa zwei Monate, dann hatte niemand mehr in der Fertigung Papier.“ In der Konstruktion wird nichts mehr ausgedruckt. Die Bearbeitungszentren sind nicht mehr vollgehängt mit Zeichnungen. Vom technischen Einkauf über die Arbeitsvorbereitung, die NC-Programmierung, die Fräser und Erodierer bis hin zur Montage und dem Mitarbeiter, der die Formkühlungen verrohrt, arbeiten alle durchgängig nur noch mit digitalen Daten.

Meine Meinung

Konsequent vorleben
Ein wichtiger Aspekt auf dem Weg zum Erfolg ist die Konsequenz, mit der die Verantwortlichen hinter der gefällten Entscheidung stehen. Wenn ein neuer Weg beschritten werden soll, dann ist es wichtig, dass man die Mitarbeiter konsequent mitnimmt und dass sie überzeugt sind, dass die Neuerung sie in ihrer täglichen Arbeit unterstützt und dass sie es wert ist, dass alte Zöpfe abgeschnitten werden. Das zu vermitteln ist den Verantwortlichen bei Schaufler Tooling offensichtlich gut gelungen – nicht zuletzt, weil sie die neue Vorgehensweise täglich vorleben und von ihren Mitarbeitern auch immer wieder einfordern. Und das ist ein essenzieller Erfolgsfaktor.
Richard Pergler

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„Entscheidend für den Erfolg der papierlosen Fertigung sind Konsequenz und Durchgängigkeit, und wir waren ziemlich radikal.“
Reiner Schaufler, Geschäftsführer und Inhaber Schaufler Tooling

Die Umstellung ist gelungen. Im kleinen Führungskreis wurde zunächst ein Projektabriss entworfen. Man begann an einer Fräsmaschine ein Pilotprojekt mit jüngeren Mitarbeitern, die keine Berührungsängste zum Computer und der digitalen Welt hatten. Hier wurde zunächst analysiert, welche Informationen am Arbeitsplatz zur Verfügung stehen müssen und wie die Informationsflüsse im Betrieb verlaufen. Danach wurde der Schlichtbereich umgestellt, während derRest noch Zeichnungen hatte. „Und damit begann das Chaos“, erinnert sich Reiner Schaufler. „Wer keine Lust darauf hatte, sich mit dem Laptop zu beschäftigen, der holte sich eben eine Zeichnung. Es ging teilweise wild durcheinander.“

Konsequente Flucht nach vorn
Doch dabei beließen es die Verantwortlichen nicht – sie traten konsequnt die Flucht nach vorn an. Ein ehrgeiziger Zeitplan wurde festgelegt. Und tatsächlich gab es zu einem bestimmten Stichtag in der gesamten mechanischen Fertigung kein Papier mehr, einen Monat später auch nicht mehr bei den Erodierern, und wiederum nach einem weiteren Monat wurde auch die Montage auf papierlos umgestellt. Drei Monate später waren selbst Detailfragen geklärt und alle Abteilungen, die von den Änderungen tangiert wurden, wie zum Beispiel der technische Einkauf, in das System integriert. „Das gesamte Führungsteam in der Fertigung stand voll hinter dem Projekt. Sonst hätte das niemals funktioniert“, erklärt Reiner Schaufler die Grundvoraussetzung für den Erfolg.

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Die ergonomische Positionierung der Bildschirme und Laptops an jedem Arbeitsplatz ist Voraussetzung für die Akzeptanz der neuen Vorgehensweise.

Akzeptanz als Erfolgsfaktor
Eine zweite Voraussetzung ist die Gestaltung der Arbeitsplätze. Alle – wirklich jeder einzelne Platz – wurden mit einem Laptop und einem Bildschirm ausgestattet. „Ganz entscheidend für die Akzeptanz ist die Größe der Bildschirme“, betont Marinko Dominkovic, Leiter der technischen Arbeitsvorbereitung bei Schaufler Tooling. „Wir schafften ganz normale 40-Zoll-Bildschirme an. Die sind zwar nicht fürs CAD geeignet, reichen von der Auflösung her aber für den Werkstattbetrieb vollkommen aus.“

An jeder Maschine wurde ein WLAN-Anschluss eingerichtet. Für die Platzierung der Laptops und der Bildschirme wurden teilweise sehr viele Überlegungen angestellt und ein großer Aufwand betrieben. Auch hier war klar, dass die neue Technologie nur akzeptiert wird, wenn sie für die Maschinenbediener praktisch und ergonomisch sinnvoll ist. Standardlösungen gab es hier selten. Oft mussten Gestelle für die Bildschirme und den Laptop an die Maschinen geschweißt oder an Fahrständermaschinen mitlaufende Kabel eingerichtet werden. „Das muss man sehr konsequent machen“, so Marinko Dominkovic, „sonst wird man nicht papierlos.“

Handling klar beschrieben

Ein dritter, sehr wichtiger Schritt ist die Analyse und Festlegung des Datenflusses. „Auch dies ist ein aufwändiges Thema“, erklärt Geschäftsführer Reiner Schaufler. „Das Datenhandling muss klar beschrieben, die Datensicherheit gewährleistet sein.“ Da bei Schaufler Tooling sämtliche Daten, Informationen und Prozesse über das im eigenen Hause entwickelte und gepflegte ERP-System Winform laufen, war der Programmieraufwand noch nicht einmal besonders groß. Entscheidend war, eine definierte Struktur des Datenflusses festzulegen, die den Bedürfnissen und Anforderungen von Mitarbeitern und Unternehmen entsprechen.

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Blick in die Montage: Auch hier hat der Bildschirm die Papierzeichnung komplett ersetzt.

Dabei ging es um die genaue Festlegung der Pfade, auf denen die Mitarbeiter auf Unterlagen zugreifen. Der Austausch ungültiger Zeichnungen muss geregelt sein. So muss etwa festgelegt werden, wie verfahren wird, wenn zwei Mitarbeiter parallel an einer Zeichnung arbeiten. Wer darf auf welche Informationen und Daten zugreifen? Wer darf etwas ändern, löschen, umbenennen oder kopieren? Wie kann verhindert werden, dass versehentlich Daten gelöscht werden oder sich Fehler einschleichen? All diese Fragen müssen eindeutig beantwortet werden.

Teilweise mussten Abläufe von der Konstruktion bis hin zur Qualitätssicherung verändert werden, um hier klare Verhältnisse zu schaffen. Die Datenentstehung oder die Formate wurden geändert und auf pdf-Dateien umgestellt. Damit darauf Notizen eingetragen werden können, etwa von Mitarbeitern im technischen Einkauf, können über eine Software auf den pdf-Dateien Mark­ups eingefügt werden. Und wieder muss hier der Schreibzugriff geregelt sein. Die Festlegungen reichen also bis ins kleinste Detail.

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„Jeder Arbeitsplatz wurde neu eingerichtet. Und schon jetzt kann sich niemand mehr vorstellen, auf die alte Weise zu arbeiten“
Marinko Dominkovic, Leiter der technischen AV bei Schaufler Tooling

Schulung der Mitarbeiter
Schließlich war eine vierte wichtige Bedingung für den Erfolg die Schulung der Mitarbeiter, die alle systematisch in die neue Technologie eingeführt wurden. „Am Anfang waren die Leute skeptisch. Vor allem die Älteren hatten Probleme mit der Computerbedienung“, erinnert sich Marinko Dominkovic. „Hier haben die jüngeren aber sehr kollegial geholfen.“ Ein Handout wurde verfasst und an jeder Maschine ausgelegt, so dass Mitarbeiter immer wieder nachschauen konnten, wie der Laptop zu bedienen ist. Mittlerweile sind nicht nur alle fit an Laptop und Bildschirm. „Schon jetzt kann sich niemand mehr vorstellen, auf die alte Weise zu arbeiten“, betont Dominkovic.

Denn die Vorteile der papierlosen Fertigung sind enorm: Keiner sucht mehr nach Zeichnungen. Niemand tauscht alte gegen neue Zeichnungen aus und stempelt die alten für ungültig. Jeder arbeitet immer mit den aktuellen Konstruktionsdaten. Dadurch werden natürlich Fehler vermieden. Für die Nachvollziehbarkeit von Änderungen müssen die Zeichnungen nicht mehr aufbewahrt werden, da niemand nach alten Daten arbeiten kann und in der Konstruktion die Änderungen ohnehin dokumentiert werden. Die Möglichkeit auf dem Bildschirm zu zoomen, lässt auch Details in den Zeichnungen sichtbar werden, die beim unflexiblen Papier oft schwer zu erkennen waren. Viele Rückfragen erübrigen sich nun.

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Zeichnungen gehören der Vergangenheit an. Auch Aufspann- Prüf- und Arbeitspläne gibt es nur noch am Bildschirm.
Bilder: Schaufler

Einige Tonnen Papier gespart
Und es sind ja nicht nur die Zeichnungen, die auf den Bildschirmen verfügbar wurden. Bei Schaufler Tooling sind auch die 3D-Zusammenbauten der kompletten Form, die NC-Programmdokumentationen, die Werkzeugdokumentationen, die Aufspannpläne, die Prüf- und Arbeitspläne und die Schichtplanung nur noch digital abrufbar. Verschwunden sind hundert Seitenstarke Programm-Kataloge und endlose Reihen verstaubter Ordner. Einige Tonnen Papier entfallen damit. Nachdem das System einmal eingeführt und angenommen war, kamen die Führungskräfte des Unternehmens, aber auch die Maschinenbediener und Monteure auf immer mehr Ideen, was noch alles mit Zusatznutzen digitalisiert werden könnte.

Alles aktuell abrufbar
Auch die Maschinendokumentationen und Wartungspläne, die Arbeitsanordnungen und die Werkstückbegleitblätter können über Laptop und Bildschirm abgerufen werden und sind immer und überall auf dem aktuellen Stand. Die Rückmeldungen über die Ausführung von Arbeits- und Prüfschritten laufen ebenfalls nur noch digital. Heute unterschreibt der Mitarbeiter nicht mehr, sondern loggt sich mit Personalnummer und Kennwort ein und quittiert. Sogar der Urlaub kann jetzt über ein digitales Formular mit dem Laptop beantragt werden.

„Entscheidend für den Erfolg der papierlosen Fertigung sind Konsequenz und Durchgängigkeit“, resümiert Reiner Schaufler. „Aber wenn man es einmal durchgezogen hat, dann ist das einer jener Fortschritte, bei dem man sich nach kurzer Zeit fragt, wie es jemals anders funktionieren konnte und wie man eigentlich die Papierflut bewältigt hat.“
Birgit Hummler-Schaufler