Mehr bekommen als bestellt

Ohne Tuschieren geht es nicht, wenn man sich sicher sein will, dass das Werkzeug richtig schließt: „Bei sehr einfachen Formen mit geraden Tuschierflächen ist es vielleicht noch möglich, aufs Tuschieren zu verzichten“, erklärt Markus Bay, Geschäftsführer beim Formenbau Rapp im württembergischen Löchgau. „Wenn die Werkzeuge aber komplexer werden und schräge Flächen oder gar Freiformflächen exakt auf Z-Tiefen über 100 mm passen müssen, dann kommt man trotz der heute sehr genauen Bearbeitung der einzelnen Komponenten und trotz umfangreicher Simulationsmöglichkeiten am Tuschieren nicht vorbei – da ist die blaue Farbe der einzig verlässliche Maßstab.“

Eine Tuschierpresse war im Unternehmen daher eine Selbstverständlichkeit, die Ergebnisse der Tuschierbilder stimmten mit den Gegebenheiten beim Spritzgießprozess auch stets exakt überein. Als aber die Werkzeuge zunehmend größer und schwerer wurden, waren die Möglichkeiten der vorhandenen Tuschierpresse erschöpft. „Wir bauen heute Werkzeuge bis 6 t Gesamtgewicht, das überstieg die Kapazitäten unserer bisherigen Presse“, erklärt Bay. „Zudem war das Handling der Werkzeuge beim Tuschieren auf der alten Anlage schlicht nicht mehr zeitgemäß.“

Das sagt die Redaktion

Eine Frage der Ehre
Für viele gute Werkzeug- und Formenbauer ist es eine Frage der Ehre, für ihre Kunden mitzudenken und nicht selten eine bessere und ausgefeiltere Lösung zu liefern als eigentlich vereinbart. Auch wenn man genau weiß, dass dieser Mehrwert vom Kunden nicht extra bezahlt wird. Im Sinne des Kunden handeln – diese Einstellung verlangt, dass die Mitarbeiter Begeisterung mitbringen für das, was sie tun. Ganz offensichtlich sind auch die Pressen-Experten bei Millutensil mit „Herzblut“ bei der Arbeit und haben bewusst mehr geliefert, als eigentlich versprochen war. Zum gleichen Preis. Zusammen mit der hohen Qualität der Pressen schafft das eine solide Grundlage für eine nachhaltige Partnerschaft.
Richard Pergler

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Der obere Tisch lässt sich sehr flexibel in eine Position schwenken, in der der Werkzeugmacher Korrekturen in einer ergonomischen, angenehmen Haltung ausführen kann.

Eine der Spezialitäten der Formenbauer bei Rapp sind Mehrkomponentenwerkzeuge, speziell auch Drehtellerwerkzeuge. „Hier müssen für das Einspritzen einer zweiten Komponente die Werkzeuge um 180° gedreht werden“, erläutert Bay. „Selbstverständlich müssen auch beim Tuschieren die Passflächen in beiden Positionen überprüft werden.“

Handling der Werkzeuge erleichtern
Das bedeutete für die Werkzeugbauer bisher, eine Formhälfte während des Tuschierens erneut abzuspannen, aus der Presse zu ziehen, sie zu drehen, wieder in der Presse zu positionieren und erneut exakt auszurichten und aufzuspannen. „Das war mit unseren Säulenschwenkkränen und dem Podest an der Presse eine aufwändige und auch zeitraubende Prozedur und eine große Belastung für unsere Mitarbeiter“, erklärt Bay. „Bei der Neubeschaffung wollten wir hier eine Lösung, die bei höchster Präzision dem Tuschierer die Arbeit weitestgehend erleichtert und den Vorgang beschleunigt.“

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Per Knopfdruck lässt sich der untere Tisch inklusive referenziert aufgespanntem Werkzeug um 180° drehen.

Die geringe Hallenhöhe setzt bei Rapp enge Limits – schon deswegen konnten die Lösungen vieler Hersteller nicht punkten. Und für ein ergonomisches und rationelles Handling der Drehtellerwerkzeuge gab es auf dem Markt in diesen Dimensionen bislang auch keine Lösung.

Der Formenbau Rapp ist Mitglied im Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer (VDWF). „Ein hervorragend organisiertes Netzwerk, das wir natürlich auch genutzt haben, um uns ein Bild darüber zu machen, welche Pressen anderswo erfolgreich eingesetzt werden“, berichtet Bay. „Immer wieder stießen wir dabei auf den Namen Millutensil – und auf einhellig positive Bewertungen. So waren zum Beispiel Ölleckagen, wie man sie oft von anderen Pressenherstellern kennt, bei Millutensil kein Thema.“ Aber auch im Katalog von Millutensil war eine Presse nach den Wünschen der Löchgauer Formenbauer nicht vorhanden. „Ein Drehteller auf einem Schwenktisch – das gab es in den für uns relevanten Baureihen nicht“, erklärt Bay. „Mit unseren Wünschen stießen wir bei den Italienern aber auf offene Ohren – man versprach uns, eine vorhandene Presse so weiterzuentwickeln, dass wir mit einem manuell zu bedienenden Drehtisch unsere Drehtellerwerkzeuge entsprechend präzise und schnell fürs Tuschieren positionieren können.“

Trends µ-genau

Tuschieren – aber richtig
Im Zuge von zunehmend genaueren Simulationen und immer präziseren Bearbeitungsprozessen gibt es durchaus Werkzeugbauunternehmen, die auf das Tuschieren verzichten. Was bei einfachen Geometrien noch möglich scheint, wird spätestens bei komplexen Werkzeugen, in denen Schrägen oder sogar Freiformgeometrien als Funktionsflächen fungieren, fragwürdig. Denn auch die beste Simulation kann das Verhalten eines noch so präzise gefertigten Werkzeugs nur begrenzt vorhersagen, wenn es mit Kraft geschlossen wird. Das Tuschieren per Kran oder gar per Gabelstapler kann keine verlässlichen Ergebnisse bringen, da hier weder definierte Bewegungsrichtungen noch exakte Kräfte ans Werkzeug gebracht werden. Der einzige wirklich sinnvolle Weg ist hier die Tuschierpresse.

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Bei Rapp entstehen unter anderem große Drehtellerwerkzeuge für das
Mehrkomponentenspritzgießen. Auf der Tuschierpresse Millutensil BV30E-RG kann das Werkzeug schnell und bequem in allen Positionen geprüft werden.

Auch preislich sehr interessant
Nach den Wünschen der Verantwortlichen bei Rapp Formenbau wurde die neue Presse konstruiert, und da die Lösung auch vom Preis her interessant war, wurden die Verträge unterzeichnet. „Eines Tages kam dann ein Anruf aus Italien mit einer positiven Überraschung – wir bekommen den Drehteller nicht manuell, sondern vollautomatisch: eine präzise 180°-Drehung auf Knopfdruck“, erinnert sich Bay. „Wir waren begeistert – zumal Millutensil das ohne Mehrkosten für uns realisiert hat.“ Seit diesem Sommer steht nun die neue Tuschierpresse Millutensil BV30E-RG im Formenbau. Die einfach bedienbare PC-basierte Steuerung ermöglicht praxisbezogene Funktionen. So lässt sich etwa je nach Werkzeughöhe der automatische Öffnungshub auf einen sinnvollen Wert begrenzen – das spart speziell bei kleineren Werkzeugen Zeit.

Die Presse bietet eine Aufspannfläche von 1485 x 1000 mm, der untere Tisch lässt sich mit maximal 7 t belasten, der obere mit 2,5 t. Die maximale Schließkraft entspricht rund 50 t. Um ein exaktes Tuschierbild zu bekommen, wird ein hydraulischer Tuschierschlag ausgelöst, der rund 7 t entspricht.

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Geschäftsführer Markus Bay (rechts), im Bild mit Manfred Haubenreich, Endmontage: „Die Presse bietet hohe Präzision bei einfachem Handling.
So können wir uns darauf konzentrieren, optimale Werkzeuge für unsere Kunden zu bauen.“

Der Drehtisch ist mit einer Referenzbuchse ausgestattet, die die exakte Positionierung des auf Mitte ausgerichteten Werkzeugs sicherstellt. Die Dreheinheit wurde übrigens so konstruiert, dass die maximale Einbauhöhe von 1200 mm erhalten bleibt – dazu wurden die Zylinder um 200 mm verlängert. Mit einem Druck auf den Touchscreen der Steuerung dreht der Tisch schnell und präzise das Werkzeug um 180°, ohne dass nachjustiert werden muss.

Tuschieren für mehr Sicherheit
Der untere Tisch kann aus der Presse herausgefahren und um 75° gekippt werden, auch der obere Tisch lässt sich schnell und einfach in eine Position bringen, in der sich das Werkzeug bequem und ergonomisch bearbeiten lässt.

Die Presse ist darüber hinaus mit einer hydraulischen Einheit zur Betätigung der Auswerfer am Werkzeug und zum Fahren der Schieber ausgestattet. „So können wir im Prinzip den gesamten Spritzgießvorgang auf der Presse durchspielen“, erklärt Bay. „Das spart uns pro Werkzeug einige Korrekturschleifen – und gibt uns und unseren Kunden Sicherheit. Zwar herrschen im Spritzgießprozess nochmals ganz andere Kräfte, und man ist nicht dagegen gefeit, dass trotz Tuschieren mal etwas schiefgeht. Aber wenn bei 50 t Zuhaltekraft auf der Presse alle relevanten Flächen blau sind, ist man in der Regel auf der sicheren Seite. Diese Sicherheit schätzen unsere Kunden – so erhöht das Tuschieren auch das Vertrauen in unsere Werkzeuge.“