Attraktive Branche mit gesunden Aussichten

Allerdings: Hier als Außenstehender Fuß zu fassen ist in den vergangenen Jahren schwieriger geworden

Die Eintrittshürden für Otto Normalzerspaner werden höher – wer heute in der Medizintechnik zuliefern will, sollte sich, das ergab eine nicht repräsentative werkzeug&formenbau-Kurzumfrage bei einschlägigen Herstellern, nicht nur sehr gut in der Bearbeitung medizintechnischer Materialien auskennen und höchste Präzision garantieren – immer mehr wird auch die Pflicht zu einer lückenlosen Dokumentation zu einem Kriterium, das die Spreu vom Weizen scheidet. Ohne die „Medizintechnikzertifizierung“ ISO 13485, so war häufig zu hören, werden es Neueinsteiger künftig sehr schwer haben, in diesem Markt Abnehmer zu finden.

Gerade vor dem Hintergrund zunehmend schwieriger werdender Lieferbedingungen im Bereich der Automotive-Industrie suchen Werkzeug- und Formenbauer, aber auch Teilefertiger nach Abnehmern auch in anderen Branchen. Als eines der lukrativsten Tätigkeitsfelder wird immer wieder die Medizintechnik genannt – hier, so die allgemeine Meinung, stimmen die Margen noch, und der Kostendruck ist nicht vergleichbar mit dem Automobilsektor. Im Prinzip stimmt das zum Teil auch heute noch – die Unternehmen, die für die Medizintechnik arbeiten, egal ob im Werkzeug- und Formenbau, im Prototypenbau oder direkt in der Teilefertigung, haben sich jedoch ihr Standing in der Branche meist hart erarbeiten müssen.

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Guter Branchentrend
Die Bruttowertschöpfung in der deutschen Medizintechnik steigt. Sie lag im Jahr 2011 bei knapp über 10,9 Mrd. Euro. Das entspricht einem Anteil von 4,3 Prozent an der Gesamtwirtschaft. Im Jahr 2009 waren es nur rund 8,6 Mrd. Euro (3,7 Prozent).

Entfernung spielt durchaus eine wichtige Rolle
„Wir brauchen Partner, die ein hohes Maß an Know-how bei der Zerspanung medizintechnischer Materialien mitbringen und die nachhaltig und sehr zuverlässig eine sehr hohe Qualität liefern können“, erklärt etwa Hans Keller, Leiter Entwicklung, Werkzeug- und Prototypenbau beim Medizintechnikhersteller Aesculap in Tuttlingen. „Dazu kommt eine hohe Flexibilität, die auf allen Seiten vorhanden sein muss. Für eine schnelle Abstimmung ist es unerlässlich, dass man sich bei Bedarf auch ,mal schnell‘ treffen kann, um gemeinsam eine Lösung für eine Herausforderung zu finden – das bedeutet eine klare Einschränkung auf Zulieferbetriebe in einem nahen Umkreis. Da haben es für uns als südwürttembergisches Umternehmen Anfragen etwa von Zerspanungsbetrieben aus Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen schon deutlich schwerer, in die nähere Auswahl zu kommen.“

Profil

Wachstumsbranche Medizintechnik
Die Medizintechnik gilt als eine sehr dynamische und hochinnovative Branche. Gemessen an ihrem Welthandelsanteil, aber auch an der Zahl ihre Patente liegen die deutschen Medizintechnikunternehmen laut Jahresbericht des Branchenverbands BVMed hinter den USA global auf Platz 2. Im Durchschnitt investieren die Unternehmen der Branche rund 9 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Unter anderem deshalb können rund 20 Prozent des Branchenumsatzes mit Produkten erzielt werden, die erst 3 Jahre alt oder jünger sind. Mit derzeit 5,4 Millionen Beschäftigten ist der Gesundheitssektor der größte Arbeitgeber Deutschlands – nahezu jeder siebte Arbeitsplatz  (13,5 Prozent) hierzulande ist dort zu finden. Seit dem Jahr 2000 sind die Beschäftigtenzahlen im Gesundheitswesen um insgesamt 500 000 gestiegen. Das sind mehr als 12 Prozent. Nach einer Prognose einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums sollen bis zum Jahr 2030 weitere zwei Mio. Menschen mehr in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt sein.

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Nach wie vor wirtschaftlich interessant ist die Medizintechnikbranche. Hier Implantate aus der Fertigung von biedermann Motec.

Speziell drei Faktoren sorgen dafür, dass der Markt der Medizintechnik auch in Zukunft weiter wachsen wird. So zeichnet die demographische Entwicklung in den meisten Industrieländern einen Trend zu immer mehr älteren Menschen – sie haben tendenziell ein höheres Bedürfnis nach medizintechnischen Produkten. Innovative und schonende Operationsverfahren ermöglichen dank des Einsatzes medizintechnischer Produkte oft eine hohe Lebensqualität bis ins hohe Alter. Dazu kommt, dass sich dank des medizinischen Fortschritts heute Krankheiten behandeln lassen, vor denen man vor einigen Jahren noch kapitulieren musste. Und schließlich spielt auch das Verlangen nach hoher Lebensqualität eine immer stärkere Rolle – Patienten sind immer mehr bereit, für bessere Produkte und Leistungen auch selbst zu bezahlen. Das alles führt weltweit zu einem steigenden Bedarf an Gesundheitsleistungen und damit auch zu einer zunehmenden Nachfrage nach medizintechnischen Produkten. Denn die Gesundheit ist unser höchstes Gut. Und eines der letzten, auf das wir verzichten wollen. Deshalb ist diese Herausforderung auch wirtschaftlich nicht uninteressant.

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Rund 23 Prozent der bei unserer diesjährigen Blitzumfrage kontaktierten Werkzeug- und Formenbauer gaben an, bereits für die Medizintechnik zu arbeiten.

Deutsche Medizintechnik wächst langsamer
Mit ein wenig Sorge schauen die Unternehmen allerdings auf die Entwicklung im Inland: BVMed reklamiert einen deutlichen Rückgang beim Umsatzwachstum – während der Markt in den vergangenen Jahren jeweils mit rund 5 Prozent wuchs, liegt der Zuwachs aktuell im Inland bei nur noch 2,6 Prozent. Global sieht es mit einem Plus von 4,4 Prozent etwas besser aus. Die Kritik der Unternehmen am Medizintechnikstandort Deutschland macht sich vor allem an den Strukturen im Erstattungsbereich fest – der „Preisdruck der Einkaufsgemeinschaften“ und die „innovationsfeindliche Haltung der Krankenkassen“ sind unter den am meisten genannten Hemmnissen. Zunehmend macht sich in Deutschland aber auch der Mangel an qualifizierten Fachkräften negativ bemerkbar. Der Standort Deutschland scheint für die Medizintechnikindustrie an Attraktivität zu verlieren – nur noch 36 Prozent der vom BVMed in einer Umfrage angesprochenen Unternehmen erwartet für 2014 für den deutschen Markt eine positive Entwicklung; global gesehen rechnen immerhin 62 Prozent mit einer günstigeren Geschäftslage.

Gemessen an anderen Branchen sind diese Zahlen aber nach wie vor nicht schlecht. Es ist durchaus noch Platz für interessante Zulieferbetriebe in der Medizintechnik. Nur sollten Interessenten, die mit dem Gedanken an einen Einstieg spielen, auch wissen, dass zu einem nachhaltigen Erfolg in der Branche eben mehr gehört als nur gut fräsen zu können.

Weites Feld für unterscheidlichste Aktivitäten
Speziell für Kunststoff-Formenbauer tut sich in der Medizintechnik ein weites Feld auf: Von Dental-Implantaten bis zur OP-Schale, von Dosiersystemen zur Verabreichung von Medikamenten bis zu Stents oder Komponenten für Herz- und Hirnschrittmacher, vom Lab-on-a-Chip bis zur Herzklappe reicht die Palette der für den Erhalt oder die Wiederherstellung unserer Gesundheit benötigten Produkte. Die Anforderungen an die Spritzgießwerkzeuge sind entsprechend hoch – die Toleranzen liegen nicht selten im einstelligen µm-Bereich. Und auch die Oberflächen sind oft eine Herausforderung: Sei es, dass sie leicht zu reinigen oder gar zu desinfizieren sein müssen, sei es, dass sie in direktem Gewebekontakt stehen und entsprechend ausgeformt sein müssen.

Aber auch bei Gesenken etwa für die Implantatfertigung sind noch Kapazitäten gesucht, ebenso in der direkten Einzelfertigung von individuell auf die Patienten angepassten Implantaten, die abseits von der Massenherstellung benötigt werden. Für Sterilcontainer werden Ziehwerkzeuge benötigt.

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Insgesamt 23 Prozent der von uns Befragten denkt darüber nach, sein Engagement in der Medizintechnik zu verstärken oder in diesen Bereich neu einzusteigen.

Die Herstellung von Zahnersatz ist in unterschiedlichsten Produktionsverfahren inzwischen ein sehr stark umkämpfter Markt. Die individuelle Fertigung von auf die Patienten abgestimmten Werkstücken mit Methoden der Serienfertigung ist bei einigen der Protagonisten inzwischen weit fortgeschritten. Die Teilbranche ist in Bewegung: Neben einigen etablierten Zahnersatzherstellern gibt es immer wieder neue Player am Markt, von denen jedoch ein guter Teil schnell wieder von der Bildfläche verschwindet. Zum Teil, so ist zu hören, wohl auch deshalb, weil die komplexe Technik nicht immer richtig beherrscht wird, und weil die Qualität oft nicht ausreicht.

In der Medizintechnik kommen inzwischen immer häufiger auch exotische Materialien zum Einsatz – ein wesentliches Kriterium beispielsweise für Implantat-Werkstoffe ist schließlich die Bio-Verträglichkeit im Körper. Solche Materialien können eine echte Herausforderung für die Bearbeitung sein – nicht selten sind sie hart und zugleich spröde. Und damit wird ihre Zerspanung sehr anspruchsvoll.

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„Wir brauchen Partner, die ein hohes Maß an Know-how bei der Zerspanung medizintechnischer Materialien mitbringen und die nachhaltig und sehr zuverlässig eine sehr hohe Qualität liefern können.“
Hans Keller, Leiter Entwicklung, Werkzeug- und Prototypenbau beim Medizintechnikhersteller Aesculap in Tuttlingen

Wer sich die Mühe macht und sich in Werkstoffe und Arbeitstechniken dieser Industriebranche einarbeitet, wer eine umfassende Dokumentation nicht scheut und die Kontakte zu den Verantwortlichen in den Medizintechnikunternehmen aufbauen kann, hat in der Branche nach wie vor gute Chancen. Die Anforderungen an Präzision und Oberflächengüte sind Werkzeugbauern vertraut. Gefragt sind nach wie vor Kapazitäten in der 3D- und 5-Achs-Bearbeitung, da die Werkstücke in der Medizintechnik immer komplexere Geometrien haben und entsprechend bearbeitet werden müssen. Dass die Qualität passen muss, versteht sich von selbst – schließlich soll etwa ein Implantat, wenn es einmal im menschlichen Körper „eingebaut“ ist, möglichst keinen Wartungsaufwand, geschweige denn einen Austausch erfordern.

Zahlreiche Anforderungen an Können, Maschinenpark, Zerspanungswerkzeuge und Fertigungsumgebung, dazu die ungeliebte „Papierarbeit“ in Sachen Protokollierung und Dokumentation sowie eine Zertifizierung des eigenen Betriebs hängen die Einstiegshürden für potenzielle Neueinsteiger in die Medizintechnik sehr hoch. Allerdings: Wer in die entsprechenden Fähigkeiten investiert, sich das notwendige Wissen erarbeitet und sich entsprechend etabliert, hat auch heute noch gute Chancen, in dieser Wachstumsbranche langfristig gut verdienen zu können. Denn die OEMs in der Medizintechnik setzen auf langfristig verlässliche Lieferketten, die die Qualität und Verfügbarkeit der Produkte nachhaltig sichern – das hat hier auch heute noch einen weit höheren Stellenwert als der billigste Einkaufspreis.