Potenziale optimal nutzen

Der zunehmende Kosten- und Termindruck, dazu die Herausforderung, Produktivität und Flexibilität wirtschaftlich zu vereinen – Werkzeug- und Formenbauer sind mehr denn je gefordert, für Wettbewerbsvorteile zu generieren und Rationalisierungspotenziale zu erschließen. Neue Technologien und leistungsfähige Werkstoffe spielen dabei eine ebenso entscheidende Rolle wie die richtige strategische Ausrichtung des eigenen Betriebs.

Vor diesem Hintergrund hatten der Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer (VDWF) und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) Ost in Kooperation mit der Fachhochschule Schmalkalden zu einem Anwenderforum eingeladen. Marco Schülken, Vorsitzender der Fachabteilung Werkzeugbau im VDMA-Fachverband Präzisionswerkzeuge, gab einen Überblick über die konjunkturelle Situation: „Für 2013 erwarten wir ein Nullwachstum, für das kommende Jahr sehen wir positive Impulse. Der steigende Termin-, Preis- und Kostendruck und die ,Geiz-ist-geil-Mentalität‘ vieler Einkäufer sind eine Herausforderung für unsere Unternehmen. Dazu kommt der Wettbewerbsdruck aus Asien, aber beispielsweise auch aus Portugal – Regionen, in denen der Werkzeugbau massiv von staatlicher Seite gefördert wird.“

Das sagt die Redaktion

Vernetzte Netzwerke
Mit eines der interessantesten Details der Veranstaltung war, dass zwei Verbände, die beide Werkzeug- und Formenbauunternehmen repräsentieren, gemeinsam eingeladen hatten – ein positives Signal, denn miteinander lässt sich für die Branche deutlich mehr bewegen, als wenn jeder Verband, jedes Netzwerk für sich arbeitet oder sich gar gegen andere Verbände abschottet. Das Vernetzen der Netzwerke untereinander ist der richtige Weg, um dem Werkzeug- und Formenbau endlich das Gewicht und die Stimme zu geben, die diese Schlüsselbranche verdient und angesichts des immer größer werdenden Kosten- und Termindrucks auch bitter nötig hat.
Richard Pergler

Tagung Seul

Professor Thomas Seul, VDWF: „Der Werkzeugbauer, insbesondere der Werkzeugkonstrukteur, steht in einer hohen Verantwortung – Nachweisen, Dokumentieren und Qualifizieren wird immer wichtiger.“

Deutlich erhöhte Verantwortung
Wie sich mit strategischen Ansätzen Potenziale intelligent erschließen lassen, zeigte Professor Thomas Seul, Prorektor an der FH Schmalkalden und Präsident des VDWF. Neue Werkstoffe, aber auch immer mehr Richtlinien und Vorschriften prägen die Entwicklungen in der Branche. „Der Werkzeugbau, insbesondere der Werkzeugkonstrukteur, steht in einer deutlich höheren Verantwortung als bisher – Nachweisen, Dokumentieren und Qualifizieren wird immer wichtiger“, betonte Seul. „Assistenzsysteme, Ferndiagnose, Energiedatenmanagement und vieles mehr wird zunehmend auch von den Werkzeugen erwartet. Daher werden künftig immer mehr eingebettete Systeme Bestandteil komplexer Werkzeuge sein.“

Nazlim Bagcivan, Oberingenieur am Institut für Oberflächentechnik der RWTH Aachen, gab einen Überblick über die Möglichkeiten, die Beschichtungen für den Werkzeug- und Formenbau eröffnen. Am Beispiel eines Warmumformprozesses zeigte er die Entwicklung einer passenden Schicht, die Werkzeugverschleiß sowie die Reibung während der Umformung reduziert. In einem zweiten Beispiel wurden in einem Kaltumformprozess mit einer entsprechenden Beschichtung und einer umweltfreundlichen Minimalmengenschmierung die sonst erforderlichen Festschmierstoffschichten ersetzt. „Für Leistungssteigerungen im Werkzeug- und Formenbau bietet die Oberflächentechnik großes Potenzial“, betonte Bagcivan. „Erfolgversprechend sind Kooperationen aus Industrie und universitärer Forschung.“

Oberflächenveredelungen zur Leistungssteigerung von Werkzeugen zur Ur- und Umformung sowie der Kunststoffverarbeitung standen auch im Fokus des Beitrags von Jörg Vetter von Sulzer Metaplas. Vom Münzstempel bis zur Extrudierschnecke reicht das weite Spektrum der Einsatzmöglichkeiten von Beschichtungen. Dabei zeigte Vetter anhand zahlreicher Praxisbeispiele, dass mit höchst unterschiedlichen Verfahren nicht nur kleine, sondern auch sehr große und schwere Teile mit Beschichtungen ausgerüstet werden können.

Trends µ-genau

Gestiegene Herausforderungen
Neue Werkstoffe, eine zunehmende Zahl an Richtlinien und Vorschriften, dazu der Preis-, Termin- und Kostendruck und der internationale Wettbewerb – die Herausforderungen für die Unternehmen im deutschen Werkzeug- und Formenbau sind stark gewachsen. Umso wichtiger, dass sich die Verantwortlichen in den Unternehmen über neueste Entwicklungen informieren. Veranstaltungen wie das Anwenderforum Werkzeug- und Formenbau tragen mit dazu bei, dass sich ein Bewusstsein für die Branche entwickelt, ein Wir-Gefühl. Und das ist wichtig, denn der Werkzeug- und Formenbauer von heute ist längst kein Einzelkämpfer mehr.

Bei Spritzgießwerkzeugen spielt die Zykluszeit eine Hauptrolle. Peter Röstel von der FH Schmalkalden präsentierte die Vorteile von höher leitfähigen Werkzeugwerkstoffen gegenüber Werkzeugstahl. Am Beispiel einer Eisen-Kobalt-Nickel-Legierung (FeCoNi) zeigte er, wie sich nicht nur die Zykluszeit, sondern auch Faktoren wie die Abformgenauigkeit verbessern lassen. Dazu besitzt das Material einen nahezu identischen Wärmeausdehnungskoeffizienten wie Stahl und lässt sich gut bearbeiten.

Tagung Schülken

Marko Schülken, VDMA Ost: „Der steigende Termin-, Preis- und Kostendruck und die ,Geiz-ist-geil-Mentalität‘ vieler Einkäufer sind eine Herausforderung für unsere Unternehmen.“

Ressourcen im Verbund
Wie sich Ressourcen im Verbund optimal einsetzen lassen, skizzierte anschließend Michael Neumann, Geschäftsführer des Werkzeugbau-Instituts Südwestfalen. „In einem Verbund lassen sich dank gemeinsamem Auftreten gegenüber dem Kunden neue Aufträge gewinnen“, ist er überzeugt. „Dabei können sich die einzelnen Unternehmen auf ihre Stärken konzentrieren. In der Bündelung der Kompetenzen lässt sich dann ein kundennahes Gesamtpaket schnüren, das weit über die Grenzen der jeweiligen Einzelunternehmen hinausgeht.“ Wichtig dafür sind unter anderem die Schaffung gemeinsamer Standards, eine enge Vernetzung der Unternehmen und ihrer Fertigungskapazitäten sowie ein durchgängiger Material-, Informations- und Dokumentenfluss.

Was mittels Lasertechnologie im Werkzeug- und Formenbau möglich wird, zeigte Bernd Klötzer von bkl-Lasertechnik. Von generativ gefertiger konturnaher Kühlung bis zur Lasertexturierung und zum Oberflächenveredeln spannte er den Bogen seines Vortrags. Anhand von Beispielen aus der Praxis präsentierte er unter anderem neue Ansätze für energieeffizientere Werkzeuge, die mit intelligenten Strukturen dabei helfen, Stahl und damit zu temperierende Masse einzusparen.

Dietmar Schächer präsentierte zum Abschluss der sehr gelungenen Veranstaltung die unterschiedlichen Strahltechniken zur Behandlung von Formen und Werkstücken und zeigte deren technische Umsetzung.