Hochkomplexe Spritzgussformen. – Bild: WERKZEUG&FORMENBAU

Die Kernkompetenz der Werkzeug- und Formenbauer bei Fassnacht in Bobingen liegt in hochkomplexen Spritzgussformen in Mehrkomponenten- und Dünnwandtechnik oder Folienhinterspritzungen. – Bild: WERKZEUG&FORMENBAU

| von Melanie Fritsch

Im Benchmark-Wettbewerb „Excellence in Production“ wurde Fassnacht 2019 mit dem Kategoriesieg im Bereich „Externer Werkzeugbau unter 50 Mitarbeiter“ ausgezeichnet.

Wer beständig an der Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens arbeitet, muss auch in Krisenzeiten weniger um seine Existenz fürchten. Beispielhaft dafür steht der Fassnacht Werkzeug- und Formenbau aus dem schwäbischen Bobingen. Er zählt mit seinen 24 Mitarbeitern zwar zu den kleinen Betrieben in der Branche, im internationalen Wettbewerb bietet er den großen Unternehmen aber seit vielen Jahren erfolgreich die Stirn.

Mit ihrem Sieg beim Aachener Benchmark Wettbewerb „Excellence in Production“ (EIP) in der Kategorie „externer Werkzeugbau unter 50 Mitarbeiter“ haben die Werkzeugbauer 2019 bereits zum achten Mal ihr Können unter Beweis gestellt. Bei jeder Teilnahme haben sie es ins Finale geschafft. Und spätestens mit der Auszeichnung zum „Werkzeugbau des Jahres 2007“ wurde deutlich, dass auch ein kleiner inhabergeführter Werkzeugbau sehr erfolgreich im Wettbewerbsfeld agiert.

Unternehmensnachfolge ist wichtiges Thema

Inhaber Wolfgang Faßnacht erklärt: „Gemeinsam mit meinem Team haben wir uns in 30 Jahren ein hervorragendes Standing in der Branche erarbeitet. Wir haben fortlaufend investiert und unsere Fertigung hochgradig automatisiert. Wir sind so sehr gut aufgestellt, wovon wir insbesondere in der derzeitigen Krise profitieren. Nichtsdestotrotz arbeiten wir weiter an Themen, die uns fit für die Zukunft machen – Unternehmensnachfolge zum Beispiel. Da wir damit rechtzeitig anfangen, können wir uns auch die Zeit nehmen, um alles reifen zu lassen.“

Wolfgang Faßnacht. – Bild: WERKZEUG&FORMENBAU

In Zukunft brauchen wir Leute, die die Arbeit unserer­ langjährigen Know-how-Träger übernehmen­ können.

 

Wolfgang Faßnacht, Inhaber vom Fassnacht Werkzeug-Formenbau.

Im Februar 2019 hat Faßnacht seinen Sohn Christopher (27) in die Ge­schäftsführung aufgenommen. Als gelernter Kaufmann im Büromanagement obliegt ihm nun die kaufmännische Verwaltung im Betrieb wie auch der IT-Bereich. Christopher Faßnacht berichtet: „Anders als in der Fertigung, wo wir auf durchgängig vernetzte Maschinen zurückgreifen können und schon digitalisiert sind, hinken wir bei der Digitalisierung im kaufmännischen Bereich deutlich hinterher. Deshalb arbeite ich seit meinem Einstieg in unser Familienunternehmen gemeinsam mit einem Kollegen an der Einführung einer neuen Serverlandschaft und eines neuen ERP-Systems.“

Die Experten wollen damit ihren Einkauf zentral erfassen und Warenein- und -ausgänge digital abbilden. „Als mein Vater vor 30 Jahren den Werkzeugbau gegründet hat, wurden die Rechnungen zunächst noch auf der Schreibmaschine erstellt. Mehr durch Zufall stieß man später auf eine ERP Software, die fortan den Zweck erfüllen sollte, Rechnungen zu schreiben. Die Software ist bei uns nun seit rund 20 Jahren im Einsatz, wurde bislang aber nie wirklich verwendet. Mit dem neuen ERP- und Dokumentenmanagement-System können wir Lieferscheine und Rechnungen den Projekten automatisch zuordnen und im Büro komplett digital werden. Überall türmen sich Aktenordner der vergangenen Jahre, all das wird es künftig nicht mehr geben. Hier sehen wir einen wichtigen Schritt in Richtung Zukunft.“

Christopher Faßnacht. – Bild: WERKZEUG&FORMENBAU

Mit der Digitalisierung im kaufmännischen Bereich machen wir uns fit für die Zukunft, und wir bilden die Basis für ein erfolg­reiches Wissensmanagement.

 

Christopher Faßnacht, Mitglied der Geschäftsführung, Fassnacht Werkzeug-Formenbau, Bobingen.

Daten und Wissen digital erfassen

Das neue ERP-System (APplus) ist bereits installiert und wird aktuell noch benutzer­freundlich für die speziellen Anforderungen im Werkzeugbau bei Fassnacht ausgelegt. Hier stehen die Verantwortlichen im engen Kontakt mit den IT-Entwicklern.

Wenn das Projekt erfolgreich abgeschlossen und das ERP-System lauffähig ist, möchten die Bobinger ins Wissensmanagement einsteigen. „Aktuell kümmert sich ausschließlich mein Vater um die Angebotserstellung“, erklärt Christopher Faßnacht. „Künftig soll dieser Part auf mehrere Schultern verteilt werden. Sobald wir die Daten im System haben und Dokumente auffindbar sind, gilt es, schrittweise zum Beispiel auch Daten für die Kalkulation von Werkzeugen digital zu erfassen. Das wird uns noch eine Weile beschäftigen.“

Fassnacht - Jury-Urteil*

Der Fassnacht Werkzeug-Formenbau hat 1990 als 3-Mann-Garagen-Betrieb angefangen. Seitdem hat das Unternehmen auf ein stetiges und gesundes Wachstum gesetzt und beschäftigt­ heute 24 Mitarbeiter. Dabei ist Fassnacht immer seinen­ Wurzeln treu geblieben und ist auch heute noch ein inhabergeführtes Familienunternehmen, das neben dem zentralen Anspruch, qualitativ hochwertige Werkzeuge herzustellen, auch großen Wert darauflegt, seinen Mitarbeitern ein familiäres und angenehmes Arbeitsumfeld zu bieten. Fassnacht hat sich als Problemlöser für die anspruchsvollen Herausforderungen bei Spritzgießwerkzeugen etabliert und beliefert branchenübergreifend Kunden aus der ganzen Welt. Diesem Anspruch wird Fassnacht gerecht, zum einen durch einen­ hochmodernen und teilweise komplett auto­matisierten Maschinenpark und zum anderen durch die langjährige Berufserfahrung seiner Mitarbeiter. Auch in Zukunft will Fassnacht weiter auf seine Stärken setzen und als kleine, aber hochleistungsfähige Werkzeugmanufaktur seinen Kunden­ nicht einfach nur Spritzgießwerkzeuge, sondern verlässliche­ Lösungen für komplexe Anforderungen bieten.

* Im Rahmen der Veranstaltung „Werkzeugbau mit Zukunft“ am 13. November 2019 in Aachen

Nicht nur in der Führungsebene steht ein Generationswechsel an, auch in der Fertigung ist ein Wandel absehbar. Wolfgang­ Faßnacht dazu: „Jeder, der Mitte 50 ist, ist für uns jemand, der in absehbarer Zeit ausscheidet. Facharbeitermangel schlägt überall zu. In ein paar Jahren wird es nicht mehr entscheidend sein, welche Maschine man hat, sondern welche Mitarbeiter. Berufserfahrung ist wichtig. Deshalb entwickeln wir die jungen Mitarbeiter weiter und nehmen sie in die Verantwortung.“

Investition in den Nachwuchs

Bei Fassnacht in Bobingen ist es üblich, dass schon sehr junge Mitarbeiter eigenverantwortlich Werkzeugbauprojekte abschließen. „In Zukunft brauchen wir Leute, die die Arbeit unserer langjährigen Know-how-Träger, die sich in den Ruhestand verabschieden, übernehmen können“, betont der Senior. „Ursprünglich haben wir die Personalobergrenze auf 20 festgesetzt. Mittlerweile beschäftigen wir 24 Mitarbeiter, weil wir in die Zukunft investieren. Es wäre Unsinn, wenn wir gute Leute nicht einstellen oder nach der Ausbildung nicht übernehmen, nur, weil wir uns personalpolitisch andere Ziele gesetzt haben. Wir müssen rechtzeitig Fachkräfte heranziehen und nicht erst dann, wenn wir sie brauchen.“

Fassnacht - Stärken im Überblick

  • frühzeitige Sicherung der Unter­nehmensnachfolge
  • Vermeidung von zu starkem Unter­nehmenswachstum zur Beibe­hal­tung­ einer familiären Unternehmenskultur
  • hohe Eigenverantwortung der Mitarbeiter­ des Werkzeugbaus in Bezug­ auf die fristgerechte Auftragsabwicklung
  • hoher Automatisierungsgrad in der Fer­tigung mit dem Einsatz verfahrensgemischter Automationszellen
  • betriebliches Engagement im Bereich Forschung und Entwicklung
  • gezielte Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter
  • hohe Mitarbeiterwertschätzung und Mitarbeiterzufriedenheit

Da bei Fassnacht sehr langfristig gedacht und eine wertschätzende Unternehmenskultur gelebt wird, gibt es kaum Fluktuation beim Personal. Folglich ist der Input von neuen Mitarbeitern klein. Um das zu kompensieren, nehmen die Werkzeugbauer etwa seit 16 Jahren regelmäßig am Benchmark Wettbewerb EIP teil. „Wir schätzen das Feedback aus Aachen sehr. Für uns ist das der optimale Weg, wie wir Stellschrauben erkennen und an ihnen drehen können, um stetig besser zu werden“, meint Faßnacht.

In 2020 haben die Werkzeugbauer ihr Engagement nochmal erweitert. Seit Jahresbeginn sind sie Mitglied in der WBA Aachener Werkzeugbau Akademie. „Durch die Mitgliedschaft erhoffen wir uns, noch früher von Neuentwicklungen zu erfahren“, erläutert der Inhaber. „Wir haben bereits bei unserem ersten Forschungsprojekt teilgenommen und lernen so wieder viel Neues dazu, woraus wir Erkenntnisse ziehen können. Wir sehen viel was andere gut machen oder auch nicht gut machen. Das ist der große Vorteil und auch das Spannende daran.“

Profil - Fassnacht

Produkte: Spritzgussformen (Mehr­komponenten- und Dünnwandtechnik, Folienhinterspritzungen)
Kunden: Medizintechnik, Automobil-, Bau-, Elektro- und Spielwarenindustrie, Verpackungs- und Haushaltstechnik
Maschinenpark: CNC-Fräsen, Draht-, Senk-, Startlocherodieren, Rundschleifen, Laserschweißen, Lasercusing, Laser­beschriften, 3D-Druck, 3D-­Messen, Koordinatenmessen­
Software: ERP und DMS: APplus;
CAD/CAM: Visi
Mitarbeiter: 22 (plus zwei Auszubildende)
Besonderheiten: hoher Automatisierungsgrad in der Fertigung, hohe Zu­verlässigkeit bis zur Serienreifmachung und Termintreue

Neue Partnerschaften

Die Technologiepartnerschaft mit Zecha ist eine weitere Premiere im Hause Fassnacht­. Die Spezialisten für Mikrozerspanungs-, Stanz- und Umformwerkzeuge aus Königsbach-Stein bei Karlsruhe vertrauen bei Neuentwicklungen fortan auf die Expertise der schwäbischen Werkzeugmacher. „Für uns ist die Partnerschaft etwas Besonderes“, erklärt Faßnacht­. „Seit März testen wir für Zecha neue Fräswerkzeuge. Wir können unser umfassendes Know-how einbringen und gleichzeitig bei Lösungen für unsere Spezialanwendungen mitentwickeln. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse.“

Medizintechnik hoch im Kurs

Neben den Neuerungen rund um Forschung und Entwicklung, kündigt sich bei den Werkzeugbauern auch produktspezifisch ein Strategiewandel an. Bislang wurde 60 Prozent des Umsatzes in der Automobilbranche erwirtschaftet. Inzwischen ist der Anteil auf rund 40 Prozent gesunken. In der Medizintechnik hingegen wuchs der Umsatzanteil um ein Drittel auf 30 Prozent an.

Im Allgemeinen sind die Werkzeugbauer mit ihrem Portfolio sehr breit aufgestellt und entwickeln die hoch komplexen Spritzgussformen, die bis zu 5,5 Tonnen schwer sein können, zum Beispiel auch für Produkte der Elektrotechnik oder der Verpackungs- und Spielwarenindustrie. Faßnacht erklärt: „Ich halte den Automobilmarkt für gesättigt. Mit der Medizinbranche investieren wir in einen Wachstumsmarkt. Ein Markt der zukunftsträchtig aber vor allem auch krisensicher ist – das bestätigen die jetzigen Entwicklungen nochmal deutlich.“

Kategorie „Externer Werkzeugbau unter 50 Mitarbeiter“ – der weitere Finalist: Opus Formenbau

Das 2007 gegründete Unternehmen hat sich auf anspruchsvolle Spritzguss- sowie Vulkanisationswerkzeuge fokussiert. Als Partner führender Systemlieferanten für Dichtsysteme  entwickelt und fertigt Opus auf den Einsatzzweck seiner Auftraggeber abgestimmte Formen­ – vom elementar einfach aufgebauten Prototypen bis zu voll kinematisierten und prozessintegrierten­ Serienwerkzeugen. Mit den Werkzeugen werden elastomere Materialien wie EPDM und TPE zu Fahrzeugabdichtungen verarbeitet. Mit 46 Mitarbeitern und acht Auszu­bildenden betreut ­­­Opus seine Kunden von der Produktentstehung bis zur Serienfertigung. Mit dem eigenen Spritzgießtechnikum kann von der Testmischung über den Prototypen bis zum Einfahren von Serienwerkzeugen alles erprobt­ werden. www.opus-mold.de

Die Bobinger Werkzeugmacher haben die Auswirkungen der Corona-Pandemie bislang wirtschaftlich gut überstanden – wenn auch der Auftragseingang nahezu zum Erliegen gekommen ist. Sie konnten sogar ihren Maschinenpark erweitern und verfügen seit Juni über eine neue Rundschleifmaschine. „Da wir immer mehr Kunden aus der Medizintechnik bekommen, müssen wir vermehrt runde Teile fertigen. Mit dem Invest sind wir in diesem Feld technologisch nun wieder up to date“, so Faßnacht.

Lasercusing setzt sich durch

Für Faßnacht ist Prozessoptimierung das A und O, um wettbewerbsfähig zu bleiben und, um noch rationeller fertigen zu können. „Wir produzieren heute ganz anders wie noch vor drei Jahren“, erklärt er. „Beispielsweise gehen wir immer mehr dazu über, direkt gehärtete Formeinsatz-Rohlinge zu bearbeiten. Die entsprechenden Werkzeuge dafür sind mittlerweile auf dem Markt erhältlich, sodass wir diesen Prozess nun sinnvoll und wirtschaftlich abbilden können. Damit haben wir freie Kapazitäten geschaffen und den Durchsatz an Werkzeugen erhöht.“

Des Weiteren vertrauen die Werkzeugmacher auf Lasercusing-Einsätze. Seit mehr als zwölf Jahren können sie damit bei den Spritzgussteilen eine höhere Qualität erzielen. „In den vergangenen zwei bis drei Jahren konnten wir beobachten, wie sich die Einstellung unserer Kunden verändert hat. Inzwischen können wir deutlich mehr Lasercusing-Einsätze verbauen, weil die Kunden auch bereit sind, für ein qualitativ höherwertiges Produkt mehr zu bezahlen“, berichtet Faßnacht. „Mit Lasercusing können wir den Verzug der Teile positiv beeinflussen. Folglich gibt es weniger Korrekturschleifen und wir kommen insgesamt schneller zum Projektabschluss. Davon profitiert unser Kunde.“

Was sich ebenfalls zu Gunsten der Kunden auswirkt ist ein hohe Automatisierungsgrad. Hier liegt der Fassnacht Werkzeug- und Formenbau weit vorn wie im Aachener Benchmark bestätigt wurde. Den Experten ist es gelungen, in einer verfahrensgemischten Automa­tionszelle alle Maschinen durchgängig miteinander zu vernetzten und so eine vollautomatisierte Fertigung sicherzustellen. Künftig wollen sie daran anschließen und zum Beispiel für Handarbeitsplätze geeignete Automationslösungen finden. „Das Angebot ist groß. Wir beobachten den Markt sehr genau, konnten aber bis dato nichts entdecken, was sich für die Individualfertigung adaptieren ließe“, resümiert Faßnacht. „Letztlich muss man eine Lösung finden, die zum Produktspektrum und zum Fertigungskonzept des eigenen Unternehmens passt. Darin liegt die Herausforderung.“

Der Eintrag "freemium_overlay_form_wuf" existiert leider nicht.